Judith Torrea: „Kinder begraben Kinder“ | Ciudad Juárez, Mexiko

Judith Torrea: Juárez en la sombraJudith Torrea hat ihr Herz an Ciudad Juárez verloren. Ciudad Juárez gilt als eine der gefährlichsten Städte der Welt, doch Judith Torrea nennt sie liebevoll Juaritos. In der mexikanischen Grenzstadt regiert ein mörderischer Drogenkrieg, dem jedes Jahr tausende von Menschen zum Opfer fallen.
Die Spanierin Judith Torrea arbeitete bis 2009 als Reporterin in New York. Dort beobachtete sie Tag für Tag die Schönen und Reichen beim gepflegten Drogenkonsum. „Weißt Du, wie viele Tote es erfordert, damit Du ein Gramm Kokain konsumieren kannst?“ Diese Frage richtete sie an einen New Yorker Millionär. Sie erhielt keine Antwort. Aber sie beschloss, die New Yorker Glamourwelt zu verlassen und nach Ciudad Juárez zu gehen, um dort vor Ort über das Leben und Sterben im Schatten des Drogenkrieges zu berichten.

Im September 2009 veröffentlicht sie den ersten Eintrag in ihrem Blog Ciudad Juárez, en la sombra del narcotráfico. Über 150 Blog-Beiträge hat sie bis zum heutigen Tag geschrieben. Und sie handeln von den Menschen ihrer geliebten Ciudad Juárez, von den täglichen Morden, von Verschwundenen und von den Angehörigen der Opfer. Aus vielen kleinen Skizzen entfaltet sich das Kaleidoskop einer Stadt, die von der Gewalt beherrscht wird.


Chroniken einer Stadt, die sich weigert zu sterben
– dies ist der Untertitel ihres Buches, das ausgewählte Blog-Beiträge aus den Jahren 2009 bis Anfang 2011 enthält: Juárez en la sombra. Crónicas de una ciudad que se resiste a morir„Wenn Sie diese Chroniken zu Ende gelesen haben“, schreibt Judith Torrea im Vorwort ihres Buches, „wird man einige hundert Personen unter der Herrschaft der Straflosigkeit ermordet haben“.

Judith Torrea hat für ihr Leben in Ciudad Juárez Sicherheitsvorkehrungen getroffen, „aber wenn sie dich töten wollen, dann töten sie dich – und nichts wird passieren“. Den Tod muss man in Ciudad Juárez nicht suchen gehen. Er ist immer präsent. Wie etwa bei der kleinen Claudia, die mit ihren fünf Jahren bereits fünf Morde miterleben musste.

Judith Torrea berichtet auch über den 66-jährigen Leichenbestatter Ramón Andiano Vargas, der dem Geruch der Leichname und den anonymen Massengräbern entfliehen möchte. Er erhält für seine Arbeit alle 14 Tage umgerechnet 115 Dollar. Er muss davon neun Kinder ernähren. Jesús Armando Segovia, genannt Chuy, wird nur 15 Jahre alt. Er war ein guter Schüler und Sportler. Chuy wird von seinen Freunden begraben. Der Leichenbestatter Manuel Cano hat Tränen in den Augen. Er sagt: „Es gibt keine Zukunft mehr.“

Jeden Tag zählt Judith Torrea die Toten, die muertitos. Manchmal sind es 21, manchmal sechs. Und so ziehen sich Wörter wie sicario (Auftragsmörder) und ataúd (Sarg) wie eine rote Linie durch ihre Chroniken. Und immer wieder verweist Judith Torrea auf den vom damaligen Präsidenten Felipe Calderón ausgerufenen „Krieg gegen den Drogenhandel“: Calderóns Krieg, so Torrea im Februar 2010, habe in Ciudad Juárez innerhalb von 23 Monaten über 4.500 Tote hinterlassen. Und die verstärkte Militärpräsenz in der Stadt müsse finanziert werden – im Gegenzug sinke das Budget für Infrastruktur und soziale Programme. „Der Drogenhandel ist ein Geschäft“, resümiert Torrea im Nachwort: „Er bietet den Menschen Arbeit, die der Staat bisher nicht schaffen konnte (oder wollte)“.

Blog:

Buch:

  • Spanischsprachige Ausgabe: Judith Torrea: Juárez en la sombra. Crónicas de una ciudad que se resiste a morir. Editorial Aguilar. Santillana Ediciones Generales. ISBN: 978-84-03-10107-4
  • Englische Übersetzung: Judith Torrea: City of Juarez. Under the Shadow of Drug Trafficking. Atria Books. ISBN: 978-1-4516-5574-2
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Autor: andreabreuer

Bloggt über Weltliteratur & Straßenpoesie. Arbeitet mit Texten, Menschen & Sprachen. Mainz. |

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