Roger Willemsen: Hier spricht Guantánamo

Willemsen: GuantánamoHussein ist Lehrer. Er unterrichtet afghanische Flüchtlingskinder in Religion und Arabisch. Man möchte meinen, dies sei eine anerkennenswerte Arbeit – wäre da nur nicht der 11. September und der hierauf folgende „Krieg gegen den Terror“ gewesen. Hussein sitzt gerade mit seiner Familie beim Abendessen, als  die pakistanische Polizei an seiner Tür klingelt, ihn verhaftet und gegen Bezahlung an die USA ausliefert – wegen seiner Kontakte mit Afghanen.

Hussein wird zunächst in Peshawar inhaftiert. Zehn Tage später geht es nach Islamabad. Hier werden „die pakistanischen Fesseln gegen amerikanische Fesseln aus Plastik ausgetauscht“. Die sitzen fester. Es folgen zwei Monate Haft in Bagram, dann zwanzig Monate im Lager Guantánamo.

In Guantánamo kann er von einer Seite das Meer sehen. Davon hat Hussein wenig, denn auf der anderen Seite versperrt ein mit Stoff behangener Stacheldraht den Weg in die Freiheit.

In seinem Interview mit Roger Willemsen erzählt Hussein, dass er selbst in Guantánamo nie gefoltert worden sei, aber wenn jemand gefoltert wurde, verbreitete sich die Geschichte schnell.

Rückblickend sagt Hussein:Die Zeit, die man im Lager verbringt, wird man kaum vergessen. Ich würde zu Gott beten und ihn bitten, ihnen einen Tsunami oder Hurrikan zu schicken, wenn da keine Gefangenen auf der Insel wären.

Roger Willemsens Buch Hier spricht Guantánamo. Interviews mit Ex-Häftlingen erschien erstmals im Jahr 2006. In seinem Vorwort schreibt Willemsen: Über Guantánamo ist alles gesagt. Bis auf das, was die Häftlinge zu sagen hätten.

Dass die Guantánamo-Häftlinge auch heute noch eine Stimme benötigen, zeigt der Jahresbericht 2013 von amnesty international.

Unlängst erschien ein lesenswerter Artikel von US-Bestsellerautor John Grisham in der New York Times. In seinem Beitrag After Guantánamo, Another Injustice berichtet Grisham über einen seiner Fans. Er heißt Nabil, wurde für 5.000 Dollar an die USA ausgeliefert und ist seit elf Jahren – ohne Anklage – in Guantánamo inhaftiert.

Roger Willemsen: Hier spricht Guantánamo. Interviews mit Ex-Häftlingen. Fischer Verlag. ISBN: 978-3-596-17458-4


 

Advertisements

Autor: andreabreuer

Bloggt über Weltliteratur & Straßenpoesie. Arbeitet mit Texten, Menschen & Sprachen. Mainz. |

11 Kommentare zu „Roger Willemsen: Hier spricht Guantánamo“

    1. Liebe Claudia, zur Person Roger Willemsen stimme ich Dir absolut zu. Nach der Lektüre dieses Buches habe ich beschlossen, mir auf jeden Fall auch seine Afghanistan-Bücher zuzulegen. Liebe Grüße!

      Gefällt mir

  1. Ich habe Roger Willemsen mal in einer Talkshow (bei Pelzig? – bin mir nicht sicher) gehört, wo er sich zu diesem Thema und auch zu Afghansitan sehr kompetent und mit viel humanistischem Engagement geäussert hat. Sehr empfehlenswert!

    Gefällt mir

  2. Die Geschichte von Hussein, die Du hier berichtest, erinnert mich in ihrer unglaublichen Ungerechtigkeit an eine der Reportagen aus Erwin Kochs Band „Von dieser Liebe darf keiner wissen“. Dort erzählt er von Uiguren, die, in China mittellos, durch die moslemischen Länder ziehen auf der Suche nach Arbeit und sich leider zur falschen Zeit am falschen Ort, nämlich in Pakistan, aufhalten, dort ohne Grund festgenommen und nach Guantanamo verschleppt werden. Wie gut, dass es immer wieder Autoren und Journalisten gibt, die sich dieser schier unglaublichen Themen annehmen und so dafür sorgen, dass wir diese Menschen nicht ganz vergessen.
    Viele Grüße, Claudia

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s