Memo Anjel: Das meschuggene Jahr | Literatur aus Kolumbien

Memo Aniel_Das meschuggene JahrNächstes Jahr in Jerusalem! So lautet der bekannte Wunsch beim jüdischen Pessach-Fest. Für die jüdische Großfamilie in Memo Anjels Roman Das meschuggene Jahr soll dieser Wunsch endlich in Erfüllung gehen, denn die Reise aus dem kolumbianischen Medellín nach Jerusalem scheiterte in der Vergangenheit stets an Geldmangel.

Die notwendigen finanziellen Mittel erhofft sich der Vater von der Erfindung seines Lebens: einer wundersamen Brotfabrikmaschine, die alle Prozesse einer Brotfabrik in sich vereint – entwickelt auf Grundlage des zweiten Newton’schen Gesetzes, der Kaballah und der schönen Literatur.

Während der Vater mit Eifer an seiner Erfindung arbeitet, erhält die Großfamilie weiteren Zuwachs: Eines Tages steht Onkel Chaim vor der Tür, der laut Doktor Schmulson nur noch zwei Wochen zu leben hat.
Onkel Chaim war Zeit seines Lebens Weltreisender. Belege für seine Abenteuer in fernen Ländern gibt es freilich nicht – doch mit seinen Berichten von gefährlichen Piraten, riesigen Elefanten und wundervollen Wüstenoasen weiß er seine Zuhörer zu verzaubern.

Die Wochen vergehen. Onkel Chaim weigert sich nicht nur zu sterben, sondern sein Gesicht nimmt auch wieder die alte Farbe an: „Er sah aus wie einer, der beim Kartenspielen gewonnen hat.“ Und so macht sich Onkel Chaim bei der Konstruktion der  Brotfabrikmaschine nützlich, verliebt sich in die Tochter einer Buchhändlerin und findet im Durcheinander der Werkstatt ganz nebenbei die Anleitung zur Erschaffung der Welt – diese allerdings stößt auf noch weniger Interesse als  die ersten Vermarktungsversuche der holprig laufenden Brotfabrikmaschine. Die Reise nach Jerusalem, so scheint es, muss erneut um ein Jahr verschoben werden.

Memo Anjel schildert in seinem Roman Das meschuggene Jahr mit viel Melancholie und noch mehr Chuzpe das Leben einer jüdischen Familie in der lateinamerikanischen Diaspora. Klassische jüdische Figuren wie der Luftmensch sind hier ebenso vertreten wie der einäugige Ostrich, ein Deutscher, der „uns auf gesittete Art hasste“. Nur scheinbar im Hintergrund agieren indes die weiblichen Familienmitglieder, die mit ihrer Tat- und Imaginationskraft wohl nicht zufällig an die Frauenfiguren aus  García Márquez‘ Roman Hundert Jahre Einsamkeit erinnern. Das meschuggene Jahr ist eine mehr als unterhaltsame Lektüre mit liebevoll gezeichneten Charakteren und tragikomischen Einblicken in das Leben im jüdischen Medellín der 1950-er Jahre.

Memo Anjel: Das meschuggene Jahr. Roman. Aus dem Spanischen von Erich Hackl und Peter Schultze-Kraft. Taschenbuch. 192 Seiten. Unionsverlag. ISBN 3-293-20379-5.

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Autor: andreabreuer

Bloggt über Weltliteratur & Straßenpoesie. Arbeitet mit Texten, Menschen & Sprachen. Mainz. |

14 Kommentare zu „Memo Anjel: Das meschuggene Jahr | Literatur aus Kolumbien“

  1. Hallo,
    schön mal wieder etwas von Dir zu hören/lesen. Vorsichtshalber für Dich, gleich meine besten Wünsche für 2014! Bis zum nächsten Jahr und liebe Grüße, Thomas

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    1. Lieber Thomas, vielen lieben Dank – auch dafür, dass Dir meine Abwesenheit aufgefallen ist! Ich wünsche Dir ebenso ein ganz hervorragendes neues Jahr und sende Dir die liebsten Grüße, Andrea

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    1. Ja, bei dem Titel fühlte ich mich auch angesprochen. :-) Internetabstinenz lief besser als erwartet, aber jetzt habe ich vor dem Jahreswechsel noch einiges an Online-Lektüren nachzuholen… Liebe Grüße!

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  2. Das klingt ja klasse, ich glaube, das ist auch was für mich und meinen Liebsten. Uns haben sowohl „Man nennt mich flatterhaft und was weiß ich“ von Cozarinsky als auch „Kafkas Leoparden“ von Moacyr Scliar ausnehmend gut gefallen. Liebe Grüße
    Petra

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    1. Liebe Maren, ja, das ist sie auf jeden Fall. Und falls wir uns vor Jahreswechsel nicht mehr lesen sollten, wünsche ich Dir schon einmal von Herzen alles Gute für das neue Jahr! Alles Liebe, Andrea

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