Fußballträume und Männertragödien in der Atacama-Wüste: Hernán Rivera Leteliers Roman „Der Traumkicker“

TraumkickerIn der chilenischen Salpeter-Siedlung Coya Sur stehen die Zeichen auf Sturm: Das Lokalderby gegen den Erzrivalen aus dem Nachbarort María Elena steht bevor, und dieses Mal – da sind sich alle einig – will man nicht gegen die „Staubfresser“ verlieren. Beim letzten Fußball-Match gegen María Elena habe man, so Dorf-Sheriff Concha, „gespielt wie noch nie und verloren wie immer“.

Die Lage scheint aussichtslos, doch dann taucht plötzlich ein Fremder in der Siedlung auf, der sich als Virtuose am Ball erweist. Don Celestino Rojas, der frömmelnde Präsident der Fußball-Vereinigung, ist überzeugt: „Der Mann ist der Messias.“

Beeindruckt von den Fußballkünsten des Fremden zeigt sich auch Cachimoco Farfán, der während seines Medizinstudiums „plemplem“ geworden ist und seither die Fußballpartien am Spielfeldrand durch eine verbeulte Milchbüchse kommentiert. Dass er zu Zeiten der Militärdiktatur aus ganzen Herzem „Und ob er stürzt! Und ob er stürzt!“ durch seine Milchbüchse deklarierte, schadete seinem Ansehen in der Siedlung weniger, als dass er die Fußballzuschauer mit „Meine lieben Patienten“ begrüßt.

Don Celestino, Cachimoco Farfán und auch Schiedsrichter Don Benigno, der „als Unparteiischer eher ein Fall für sich ist“, setzen alles daran, den Ballvirtuosen zum Bleiben zu bewegen, denn bei dem Fußballspiel geht es um die Ehre der gesamten Siedlung. Ob das entscheidende Match gewonnen wird, bleibt nicht die einzige Frage. In der Atacama-Wüste läuft nämlich noch ein anderer Countdown: Die Salpeter-Mine soll geschlossen und die gesamte Siedlung Coya Sur aufgegeben werden.

Was in jedem Fall bleibt, ist die Lektion, die die Dorfbewohner von dem scheinbar irren Farfán lernen: „Kein Tor und kein gelungenes Zuspiel und auch sonst nichts von Bedeutung im Leben war vollständig, wenn es nicht erzählt, nicht mitgeteilt und durch die Magie der Wörter nachgeschaffen wurde.“

Ebenso leichtfüßig wie der fremde Ballvirtuose kommt auch Hernán Rivera Leteliers Erzählstil daher. Sein Roman Der Traumkicker erzählt in großartiger Weise von Freundschaft, Fußball, Zusammenhalt und von den kleinen und großen (Männer-) Tragödien abseits des Fußballfelds.

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Autor: andreabreuer

Bloggt über Weltliteratur & Straßenpoesie. Arbeitet mit Texten, Menschen & Sprachen. Mainz. |

11 Kommentare zu „Fußballträume und Männertragödien in der Atacama-Wüste: Hernán Rivera Leteliers Roman „Der Traumkicker““

  1. Habe bei der sehr schönen Rezension an ein anderes Fußball-Buch gedacht: „Das Wunder von Castel di Sangro“. Auch ein tolles Buch über Fußball, Mafia, Leidenschaft, Betrug und märchenhaften Erfolg, das in Italien bis heute nicht erscheinen konnte. Jetzt muss ich aber Schluss machen – gleich spielt Werder …

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  2. Ich kann mich mit Hernán Rivera Leteliers nicht wirklich anfreunden. Von „Liebestäuschung“ war ich ehrlich gesagt enttäuscht und als ich gesehen habe, dass sein neuesten Buch vom Fussball handelt, habe ich gleich einen Rückzieher gemacht und das Buch im Regal stehen lassen. Hast du noch etwas anderes von ihm gelesen?

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    1. Ich habe mir gestern mal Deine Rezension zur „Liebestäuschung“ durchgelesen und auch einen Blick auf die Leseprobe des Verlags geworfen, und muss sagen, bei der „Liebestäuschung“ wäre ich als Leser nicht am Ball geblieben. Den „Traumkicker“ kann ich hingegen wärmstens empfehlen, aber natürlich hat man daran nicht so viel Freude, wenn das Thema Fußball nicht so richtig an einen herangeht…

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