„Bis die Berge auf ihre Kitschpaläste fallen…“ – Gary Victors Haiti-Krimi „Schweinezeiten“

SchweinezeitenInspektor Dieuswalwe Azémar trinkt im Übermaß, er hat eine problematische Beziehung zu Frauen (und Männern) – und er leidet an dem Widerspruch von Recht und Gerechtigkeit. Darin steht Inspektor Azémar aus Haiti seinen literarischen Crime-Noir-Vorgängern also in nichts nach.

Seltener allerdings hat man es bisher in der Kriminalliteratur erlebt, dass sich Menschen über Nacht in Schweine verwandeln. Dies nämlich widerfährt Azémars Ex-Kollegen Colin, der zwei Jahre zuvor mittels politischer Beziehungen einen besser bezahlten Posten antrat und – nach Auffassung von Azémar – damit gleichzeitig seine Ideale aufgab.

Gelegentlich denkt Azémar darüber nach, es seinen korrupten Polizei-Kollegen gleichzutun: „Schließlich haben sie doch alle ihre Seele verkauft. Für einen Moment des kurzlebigen Glücks, bis die Berge auf ihre Villen und ihre Kitschpaläste fallen.“

Seinen Ex-Kollegen Colin jedenfalls zieren nun Schweineohren und ein behaartes Gesicht – so viel kann Azémar im Halbdunkeln erkennen. Für die Nachbarn auf der Straße ist der Fall klar: Es sind Werwölfe, die sich tagsüber in furchtbare Kreaturen verwandeln: halb Mensch, halb Schwein. Merkwürdig auch, dass Colin jetzt genau so aussieht, wie er Azémars kleiner Tochter zwei Nächte zuvor im Traum erschienen ist – mit Schweineohren.

Voodoo-Zauber? Oder doch eher handfeste wirtschaftliche Interessen der nordamerikanischen Pharma-Industrie? Colin bewachte in Port-au-Prince nämlich Lieferungen, die mit medizinischen Versuchen im Zusammenhang standen, die aufgrund der gesetzlichen Vorschriften nicht in den USA durchgeführt werden konnten. Am Schluss muss sich Azémar viele Fragen stellen, und die stehen auch mit seiner kleinen Tochter im Zusammenhang.

Die Beschreibung von Armut, Gewalt und Korruption in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince dienen Autor Gary Victor nicht nur als literarische Kulisse. Der Fall, an dem sich Inspektor Azémar tatsächlich abarbeitet, das sind die Zustände in Haiti: „Ich lebe jeden Tag damit, dass meine Träume auf den Bürgersteigen einer Stadt zertreten und zerfetzt werden.“

Schweinezeiten ist weit mehr als ein Kriminalroman mit literarischem Anspruch. Gary Victor nennt die Schuldigen beim Namen – und das sind jene Akteure, die sein Inspektor nicht hinter Gitter bringen kann. Dass Inspektor Azémar seine Arbeit nicht aufgibt, das mag an Camus‘ Sisyphos erinnern. Azémars Welt ist jedoch keine absurde. Und vielleicht ist es darum auch kein Zufall, dass Azémar als schielender Brillenträger eher einem anderen französischen Philosophen ähnelt.

Der in Port-au-Prince geborene Schriftsteller und Publizist Gary Victor zählt zu den bekanntesten Persönlichkeiten seines Landes. Der Roman Schweinezeiten entstand vor dem verheerenden Erdbeben von 2010, dem weit über 200.000 Menschen zum Opfer fielen.

Auf der aktuellen Weltempfänger-Bestenliste von litprom belegt Schweinezeiten den dritten Platz, auf der Krimi-Bestenliste der Zeit vom Februar 2014 befindet sich der Roman auf dem achten Platz.

Gary Victor: Schweinezeiten. Ein Voodoo-Krimi. Aus dem Französischen von Peter Trier. Taschenbuch. 130 Seiten. litradukt Literatureditionen 2013. ISBN: 978-3-940435-11-8

Als eBook ist der Roman bei CulturBooks erhältlich.

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Autor: andreabreuer

Bloggt über Weltliteratur & Straßenpoesie. Arbeitet mit Texten, Menschen & Sprachen. Mainz. |

14 Kommentare zu „„Bis die Berge auf ihre Kitschpaläste fallen…“ – Gary Victors Haiti-Krimi „Schweinezeiten““

  1. Schön! Das ist eine Sache nach meinem Geschmack und auf jeden Fall einer genaueren Prüfung wert. Auch das Cover sieht ja interessant aus – Mut zur Farbe. Was mich, das nur ganz am Rande, außerdem neugierig macht, ist, dass einer meiner meistgeschätzten Romane auf Haiti spielt (Graham Greene, Die Stunde der Komödianten), ich aber noch nie etwas aus der Innenperspektive dieses Landes gelesen habe.

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      1. Doch noch ein P.S. Ich bin auf der Verlagsseite und lese den Werbetext an: „Ein drückend heißer Sommer …“ Auf Bücher und Filme, die mit „Ein drückend heißer Sommer“ eingeleitet werden, falle ich immer rein, in dem Punkt bin ich echt vorhersehbar. ;)

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  2. Wie drückend heiß der Sommer damals auch war: Lest das Buch! Die drückende Hitze ist nicht das Entscheidende, sondern die Zustände, die Gary Victor beschreibt und unter denen Azémar lebt und leidet.

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  3. Mir ging es so: das Buchcover schreckte mich erst einmal ab: viel zu bunt! Dann aber der erste Satz der Besprechung: „Inspektor Dieuswalwe Azémar trinkt im Übermaß“. Ahh, das hört sich ja doch interessant an – und schon hing ich am Fliegenfänger. Und es entwickelte sich eine tolle, interessante und spannende Geschichte. Das Cover alleine hätte nie im Leben mein Interesse geweckt.
    Viele Grüße, Claudia

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    1. Ach, das ist ja interessant, mir ging es nämlich ganz anders: Für mich war das Cover ein (positiver) „Eyecatcher“, obwohl ich normalerweise kein Fan des Bunten bin. :-) Der Roman jedenfalls ist unbedingt lesenswert. Liebe Grüße!

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