Magischer Realismus war gestern: Lateinamerika-Literatur im Rückblick

Nachdem danares.mag Anfang März den ersten Blog-Geburtstag feierte (und neuerdings auch in Facebook auf Leser wartet), möchte ich nun das erste öffentliche Lesejahr zur lateinamerikanischen Literatur rekapitulieren.

Wer zeitgenössische Literatur aus Lateinamerika abseits von Verkaufsgaranten wie García Márquez, Vargas Llosa oder Isabel Allende liest, wird feststellen: Lateinamerikanische Literatur ist witzig, unterhaltsam, tiefgründig, manchmal ganz schön brutal, meistens erfreulich kurz und bündig – und sie ist vor allem eines: auf der Höhe der Zeit.

Aus ARGENTINIEN wurde der bereits im Jahr 2007 bei Wagenbach erschienene kurze Roman Man nennt mich flatterhaft und was weiß ich…  von Edgardo Cozarinsky an mich herangeschwemmt. Ein Student stößt in Buenos Aires auf ein altes jiddisches Theaterstück und damit gleichzeitig auf die Wurzeln seiner eigenen Identität. 1Von Kinderfreundschaften in den Vorstädten von Buenos Aires und von den Verwicklungen, zu denen diese Freundschaften im Erwachsenenalter führen können, erzählt Sergio Olguín in Zurück nach Lanús. Der Roman ist gleichzeitig eine wunderbare Liebeserklärung an den (argentinischen) Fußball.

In der deutschsprachigen Verlagslandschaft nach Literatur aus BOLIVIENzu suchen, ist eine frustrierende Angelenheit. Die Publikationen bedienen sich in der Regel aller Stereotypen, die das ausländische Lesepublikum erwartet: unterdrückte Indigene, exotische Aymara-Rituale oder das harte Leben auf dem Altiplano. Der Unrast-Verlag hebt sich hier ab, indem er die Werke des bedeutenden bolivianischen Schriftstellers Jaime Saenz verlegt. In dem Roman Der Señor Balboa geht es um den gleichnamigen Protagonisten, der in La Paz unter vielen Dingen leidet, insbesondere aber unter den Attacken seiner tyrannischen Frau.

BRASILIEN war 2013 Gastland der Buchmesse. Einen ganzen Reigen an deutschen Übersetzungen haben wir diesem Ereignis zu verdanken. An erster Stelle ist hier Ana Paula Maia mit ihrem spektakulären Pulp-Roman Krieg der Bastarde zu nennen. Wer Filme von Tarantino liebt, muss diesen Roman lesen – und wer wissen möchte, warum die Lektüre von Dostojewski-Romanen tödlich enden kann, ebenfalls. 2Wie bei Ana Paula Maia wird auch die Handlung in dem Roman Leichendieb von Patrícia Melo durch einen unerwarteten Drogenfund in Gang gesetzt. Ein sehr empfehlenswerter, literarisch anspruchsvoller Kriminalroman, der aber an Ana Paula Maias Imaginationskraft nicht heranreicht.

In Mastroianni. Ein Tag schildert João Paulo Cuenca einen Tag im Leben seiner beiden Protagonisten Tómas und Pedro. Wer sich an Ulysses erinnert fühlt, der hat Recht. Cuenca bedient sich postmoderner Erzählstrukturen, liefert aber zugleich einen sehr gut lesbaren und höchst amüsanten Roman. Bernardo Carvalhos Roman Neun Nächte beginnt als Entdeckungsreise in das brasilianische Herz der Finsternis und endet im intertextuellen Spiel mit Namen und Identitäten. Der Roman ist als Taschenbuch leider vergriffen, aber als E-Book erhältlich.

Abschließend aus brasilianischer Feder noch zwei Sachbücher, die sich allerdings wie gute Literatur lesen: Klester Cavalcanti legt mit Der Pistoleiro die wahre Geschichte eines Auftragsmörders vor, der innerhalb von 35 „Berufsjahren“ fast 500 Menschen ermordete. Keine trockene Biographie, sondern die intensive Schilderung eines mörderischen Werdegangs während und nach der brasilianischen Militärdiktatur. In Brasilien geboren, in Deutschland „hängengeblieben“, das ist die kurz gefasste Biographie von Zé do Rock, der sich in der Regel auf Ultradoitsh verständigt. In seinem Buch per anhalter durch die brasilianische galaxis liefert er Landeskunde par excellence und nebenbei einzigartige Einblicke in die brasilianische Gesellschaft.

In CHILE erschien bereits im Jahr 2006 von Hernán Rivera Letelier der Roman Der Traumkicker, der in großartiger Weise von Freundschaft, 3Fußball, Zusammenhalt und von den kleinen und großen (Männer-) Tragödien abseits eines Fußballfelds in der Atacama-Wüste handelt.

In HAITI arbeitet sich Inspektor Azémar an den Zuständen in seinem Land ab: Der Kampf gegen Ungerechtigkeit und Korruption auf den Straßen von Port-au-Prince ist das Thema des sehr lesenwerten Kriminalromans Schweinezeiten von Gary Victor.

Dass es in KOLUMBIEN auch Literatur gibt, die nicht um das Thema Drogenhandel kreist, demonstriert Memo Anjel in seinem Roman Das meschuggene Jahr, in dem eine liebenswerte jüdische Großfamilie an der Erfüllung ihres großen Traums arbeitet – und hierzu eine wundersame Brotfabrikmaschine entwickelt.

4Die Journalistin und Bloggerin Judith Torrea hat sich für eine gefährliche Wahlheimat entschieden. Sie berichtet aus der Grenzstadt Ciudad Juárez in MEXIKO von den Opfern des Drogenkrieges. In ihrem leider nicht auf Deutsch erhältlichen Sachbuch Juárez en la sombra (Juárez im Schatten) sind die erschütternden Einträge aus ihrem Blog nachzulesen. Sie berichtet von den täglichen Morden in Ciudad Juárez. Kinder, Frauen, Männer – der Drogenkrieg kennt keine Ausnahmen. Das ist keine Literatur, sondern bittere Realität.

Für das laufende Lesejahr wünscht sich danares.mag, dass weitere Romane von Ana Paula Maia ins Deutsche übersetzt werden. Und falls sich irgendein Verlag im deutschsprachigen Raum damit anfreunden könnte, den Roman Norte des bolivianischen Autors Edmundo Paz Soldán zu veröffentlichen, wäre dies sicherlich eine gute Entscheidung.

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Autor: andreabreuer

Bloggt über Weltliteratur & Straßenpoesie. Arbeitet mit Texten, Menschen & Sprachen. Mainz. |

24 Kommentare zu „Magischer Realismus war gestern: Lateinamerika-Literatur im Rückblick“

  1. … und Gott sei Dank haben sie diesen Roman von Ana Paula Maia in unserer Bibliothek, sonst hätte ich ihn unbedingt kaufen müssen! Du hattest mich bei Tarantino – und als ich dann noch ‚Dostojewski‘ gelesen habe, war ich für einen Moment ernsthaft versucht, meine Buchkaufsperre in der Fastenzeit zu brechen. Ich bin sehr gespannt und gebe Rückmeldung, sobald ich mit Lesen fertig bin.

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  2. Toller Beitrag!
    Alledings bleibe ich weiterhin meinen Magischen Realismus-Autoren treu. :)
    Aber auf jeden Fall interessant, was Lateinamerika noch so umtreibt.
    Woher kam die Idee?

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    1. Ja, über den Magischen Realismus kam ich ursprünglich auch zur lateinamerikanischen Literatur. War also keine Idee, sondern eher ein Interesse an der Region und ihrer Literatur, das sich über die Jahre hinweg entwickelt hat. Liebe Grüße!

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  3. Oje das hätte ich ja fast verschlafen – diesen schönen Beitrag bzw. die gelungene Übersicht. Vielen Dank! Ich hatte vor kurzem zu den aktuellen Neuerscheinungen etwas veröffentlicht. Vielleicht findest du eine Anregung http://glasperlenspiel13.blogspot.de/2014/02/neue-literatur-aus-lateinamerika.html.
    Ich freu mich auf weitere Beiträge hier bei Dir und wünsche Dir fürs nächste Bloggerjahr alles Gute!!!
    Liebe Grüße von der Bücherliebhaberin

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    1. Ich habe Deinen Beitrag schon durchgeforstet und bin Dir sehr dankbar, dass Du Dir diese Mühe gemacht hast. Habe auch schon ein paar sehr spannende Romane für mich entdeckt. :-) Und recht herzlichen Dank für Deine guten Wünsche!! Ganz liebe Grüße!

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