João Paulo Cuenca: Das einzig glückliche Ende einer Liebesgeschichte ist ein Unfall

glueckliches_endeYoshiko ist die perfekte Frau: dunkelbraune Augen, perlweiße Haut, Brustumfang: 92,5 cm. Hergestellt wurde sie im japanischen Unternehmen Luvdoll Inc. Sie ist die teuerste Puppe, die jemals in Japan produziert wurde. Und sie hat nur eine Aufgabe: ihrem Meister Atsuo Okuda zu dienen. Dieser hat nämlich 50 Millionen Yen für seine persönliche Spezialanfertigung gezahlt.

Neben Yoshiko hat Herr Okuda noch eine andere bizarre Leidenschaft, nämlich sein U-Boot. So nennt er seinen Überwachungsapparat aus Kameras, Mikrofonen und angezapften Telefonleitungen, mit dem er ganz Tokio überwacht.


Sein Sohn Shunsuke, der das Periskop des U-Boots bedient, verliebt sich in die Kellnerin Iulana, die ihr Herz aber schon an die Tänzerin Kazumi verloren hat. Iulana weist sonderbare Parallelen zu der Puppe Yoshiko auf. Sie träumt nämlich seit ihrer Kindheit, dass sie in den Körper einer Puppe gesteckt wird, „wie eine Barbie“, und dass man sie auf dem Fließband einer Fabrik von Hand zu Hand weiterreicht. Iulanas Freundin Kazumi hingegen träumt nicht, „weil sie selbst jeden Tag von anderen geträumt wird“.

Die Protagonisten scheinen sich, ähnlich wie in Cuencas Roman Mastroianni. Ein Tag, ihrer eigenen Existenz nicht ganz so sicher zu sein. Was ist Realität? Was ist Traum? Was passiert zum ersten Mal und was kennt man schon aus Buch und Film?

Den Figuren geht es nicht anders als dem Leser: Ophelia-Motiv, künstliche Menschen, Müßiggang – das alles ist uns schon begegnet. Vor allem sind uns die Bilder der Millionenstadt Tokio vertraut, die Cuenca in wechselnden Erzählperspektiven heraufbeschwört: Die Großstadt entfaltet sich als Moloch mit ihren Leuchtreklamen, Neonlichtern und gigantischen Menschenmassen, die „Tag für Tag eingezogen, verarbeitet und wieder ausgespuckt werden von den Kanälen dieses Tiers aus Beton und Elektrizität“.

Cuencas Figuren sind Traumwandler in einer futuristisch anmutenden Welt. Daher muss schon etwas ziemlich Monströses passieren, damit sie aus ihrem Traum erwachen. Und dieses Monströse kündigt sich – natürlich – mit dem Schrei einer Frau an.

Der in Rio de Janeiro geborene Schriftsteller João Paulo Cuenca hat selbst einige Zeit in Japan gelebt. Mit Das einzig glückliche Ende einer Liebesgeschichte ist ein Unfall legt er einen intelligenten und gleichzeitig unterhaltsamen Roman vor, der – neben vielem anderen – eine wunderbare Hommage an die japanische (Pop-) Kultur ist.

João Paulo Cuenca: Das einzig glückliche Ende einer Liebesgeschichte ist ein Unfall. Roman. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Michael Kegler. 144 Seiten. Gebunden. A1 Verlag. ISBN 978-3-940666-31-4.

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Autor: andreabreuer

Bloggt über Weltliteratur & Straßenpoesie. Arbeitet mit Texten, Menschen & Sprachen. Mainz. |

24 Kommentare zu „João Paulo Cuenca: Das einzig glückliche Ende einer Liebesgeschichte ist ein Unfall“

  1. Oh, schöne neue Welt! Der Buchtitel und deine Besprechung bauen ordentlich Spannung auf, liebe Andrea. Aber einstweilen bleibe ich in dieser Welt – und arbeite weiter an einem Projekt, das lustigerweise auch ganz viel mit Puppen zu tun hat.

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      1. Nein, ich sag nicht Autobiografie, liebe Andrea. Das ist auch toll, aber es fehlt das Gegenüber. Wer also? Im Prinzip jeder, der/die Lust hat, aus seinem Leben zu erzählen. Vielleicht jemand aus deinem persönlichen Umfeld? Bei Once-in-a-lifetime-Projekten ist es ja so eine Sache mit dem „Üben“… :-) Einen schönen Sonntag wünsche ich dir.

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  2. Salut, danares.
    In medialen Bildern erscheint uns Tokio häufig als Moloch der technischen Perfektion. Weitere Blicke offenbaren eine Enge von Bienenwaben, ein Jagen nach der eigenen Perfektion. Funktionsfähigkeit als Maxime einer Gesellschaft.
    Nur – zu funktionieren kann keine Lebensmaxime sein.

    In ‚Die Familie Mit Dem Umgekehrten Raketenantrieb‘ implodiert der Wahnsinn in die scheinbare Geregeltheit einer japanischen Familie. Eben weil alles in eine Refel gegoßen zu sein scheint. Aber Regeln erweisen sich öfter als unflexibel.

    Big father ist watching you!
    Ein Aufbegehren gegen das vorgebliche Achtungsgebot Älterer ist eine Konsequenz.

    bonté

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