„Das hier ist die Welt.” – Eliane Brums Fußballgeschichte „Raimundo und der Ball”

Raimundo und der BallIrgendwo im brasilianischen Urwald steht eine geheimnisvolle Truhe, gefüllt mit vergilbten Blättern. Raimundos Urgroßvater hatte sie an jenen Ort mitgebracht, getrieben von den Versprechungen, den Gummibäumen des Urwalds ihre Milch entreißen zu können. Der Inhalt der alten Blätter bleibt seinen Nachfahren verborgen, „denn die Schule hatte als Erste geschlossen, als Gummi fast nur noch so wenig wert war wie ein Mensch”.

An dem Tag, als Raimundos Kindheit endet, zaubert sein Vater noch etwas anderes aus der Truhe. Es ist ein Fußball, den er mit den feierlichen Worten überreicht: „Raimundo, mein Sohn, das hier ist die Welt.”


Das trifft sich gut, denn Raimundo sehnt sich nach der Welt dort draußen, auch wenn sein Vater ihn warnt: „Wenn sie uns entdecken, ist es zu Ende.“

Erst kommt der Ball, dann das Radio: Ein Händler überlässt Raimundo die „sprechende Kiste“ gegen einen vermeintlich kleinen Gefallen. „Ich drehe jetzt an dem Knopf, und du wirst die Welt hören.“ Es ist Fußball-Weltmeisterschaft. Raimundo hört Radio. Und er trainiert. Immer mehr. Und er wird immer besser. Und er nennt sich jetzt Raí, denn kein richtiger Fußballer heißt Raimundo. Raí vergisst die Paranussbäume, den Urwald und das Jagen. Seine Verwandlung bleibt nicht unbeobachtet – und das tragische Ende ist vorprogrammiert.

Raimundo und der Ball erzählt von den vielen kleinen Verführungen der Zivilisation, die sich schleichend im Paradies einnisten und irreversible Schäden anrichten. Die Erzählung während der laufenden Fußball-Weltmeisterschaft und der sie begleitenden Proteste zu lesen, bedeutet aber auch, sich erneut die Frage nach der (weltweiten) Instrumentalisierung des „Volkssports“ Fußball zu stellen. Die Erzählung gibt auf diese Frage eine eindeutige – und bittere – Antwort.

Raimundo und der Ball ist in dem von Jan Karsten und Zoë Beck geführten eBook-Verlag CulturBooks erschienen und eine „Single-Auskopplung“ aus der Fußball-Anthologie Der schwarze Sohn Gottes von Assoziation A. Der Herausgeber der Anthologie, der brasilianische Autor Luiz Ruffato, hielt letztes Jahr nicht nur die (viel beachtete) Eröffnungsrede zur Frankfurter Buchmesse, sondern begleitet in der NZZ auch die Fußball-Weltmeisterschaft mit seinen Briefen aus Brasilien. Unter dem Titel Spiele statt Brot findet sich bei der taz sein sehr lesenswerter Beitrag zum Thema „Fußball als Herrschaftsinstrument“.

Ins Deutsche übertragen wurde Raimundo und der Ball von Michael Kegler, der neben den Werken von Luiz Ruffato auch die Romane Das einzig glückliche Ende einer Liebesgeschichte ist ein Unfall und Mastroianni. Ein Tag von João Paulo Cuenca aus dem brasilianischen Portugiesisch ins Deutsche übersetzte.

Eliane Brum: Raimundo und der Ball. Eine Fußballgeschichte. CulturBooks Single, Juni 2014. 35 Seiten. ISBN: 978-3-944818-53-5. 0,99 Euro.


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Autor: andreabreuer

Bloggt über Weltliteratur & Straßenpoesie. Arbeitet mit Texten, Menschen & Sprachen. Mainz. |

6 Kommentare zu „„Das hier ist die Welt.” – Eliane Brums Fußballgeschichte „Raimundo und der Ball”“

  1. Servus, Andrea.
    Ein Blick auf Strukturen, Allüren, Ansprüche, Koruption & Köpfe diverser Sport-Event-Konzernkraken sollte eigentlich genügen, um den einzigen Götzen alt gewordener Männer zu erkennen.
    Gier!

    bonté

    Gefällt mir

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