Sing mir ein Lied vom Drogenbaron – Erazo Heufelders Reisereportage „Drogenkorridor Mexiko“

Drogenkorridor MexikoHoch oben, auf dem Friedhof von Santiago de los Caballeros, thront vor der malerischen Kulisse der Sierra Madre ein gigantischer Marmortempel. Es soll die letzte Ruhestätte des Drogenbosses Ernesto Fonseca Carrillo werden – nachdem er im Gefängnis seine lebenslange Haftstrafe abgesessen hat.

Ihre Denkmäler lassen sich die mexikanischen Drogenbarone schon zu Lebzeiten errichten. Und während sich korrupte Politiker am Drogenhandel bereichern, verkaufen sich Drogenbarone als vermeintliche Philanthropen. Den Menschen in Badiraguato, so schreibt Erazo Heufelder in ihrer Reportage Drogenkorridor Mexiko, sei der Drogenbaron Rafael Caro Quintero als größter Gönner ihrer Gemeinde in Erinnerung geblieben. Er habe nicht nur Schulen und Kirchen bauen lassen, sondern auch abgelegene Ortschaften mit Strom versorgt.


Und so ändern sich auch die Idole der Bevölkerung: „Die heutigen Helden mit ihren Schnauzern und Cowboyhüten ahmen nicht mehr Pancho Villa oder Emiliano Zapata nach, sondern die Killermaschinen der Mafia.“

Eine gesamte Narco-Kultur hat sich rund um den Drogenhandel entwickelt: Zum Verkauf stehende Büsten von Drogenbaronen gehören ebenso hierzu wie die Narcocorridos – Balladen, die wie Seifenopern vom „ewigen Reigen des Mordens und Tötens“ künden.

Groß ist das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber den mexikanischen Behörden. Gleichzeitig berichtet Erazo Heufelder von ihrem Gespräch mit einem Polizisten. Einem Kollegen, so erzählt er, sei gekündigt worden, weil er „zu ehrlich“ gewesen sei. Trauriges Fazit: Die einzigen Optionen, um am Leben zu bleiben, seien „den Dienst zu simulieren oder ihn zu quittieren“.

Zu den Profiteuren des Drogenhandels zählen aber nicht nur korrupte mexikanische Staatsvertreter, sondern in weit umfassenderem Maße internationale Großbanken, die mit diversen Millionen Narco-Dollars ihre Quartalszahlen aufhübschen. Gleichzeitig erhält ein mexikanischer Jugendlicher als Sicario (Auftragsmörder) 200 Pesos für getane Arbeit. Warum also, wie die Eltern, für einen Billiglohn in den Fabriken der bei Ciudad Juárez versammelten Großkonzerne, wie Siemens, Electrolux, Foxconn oder Bosch, arbeiten?

In ihrer Reisereportage Drogenkorridor Mexiko nimmt Jeanette Erazo Heufelder den Leser mit zu den Schauplätzen des mexikanischen Drogenhandels. Sie bereist die „klassische“ Drogenroute von Culiacan durch die berühmten Kupfercanyons bis nach Ciudad Juárez, der berüchtigten Grenzstadt zu den USA.

Erazo Heufelder spricht mit den Menschen vor Ort, berichtet von den Nutznießern des Drogenhandels, den großen Drogenbossen, den korrupten Staatsvertretern und den vielen Opfern, deren Tod niemals gesühnt wird. Erazo Heufelder erzählt ebenso die Geschichte des mexikanischen Drogenhandels, der – wie jedes Geschäft – nur blühen kann, solange es eine Nachfrage (in diesem Fall vor allem aus den USA und aus Europa) gibt. Ein besonderes Verdienst dieses Buches ist zudem die umfassende Darstellung der allgegenwärtigen mexikanischen Narco-Kultur, die von den Kitschbüsten und -bildern der Drogenbarone bis hin zu den populären Narcocorridos reicht.

Jeanette Erazo Heufelder: Drogenkorridor Mexiko. Reportage. Gebunden. 240 Seiten. Mit Abbildungen. Transit Verlag. 2011. ISBN 978-3-88747-259-7.


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Autor: andreabreuer

Bloggt über Weltliteratur & Straßenpoesie. Arbeitet mit Texten, Menschen & Sprachen. Mainz. |

2 Kommentare zu „Sing mir ein Lied vom Drogenbaron – Erazo Heufelders Reisereportage „Drogenkorridor Mexiko““

  1. Es ist schrecklich ernüchternd, dass dieser selbstgestrickte Mythos vom Wohltäter so wirkmächtig sein kann. Vor allem, wenn wir Fernen auf den falschen Robin Hood hereinfallen: Als Jugendlicher war ich dem halbseidenen Glorienschein von Pablo Escobar verfallen (vielleicht war der SPIEGEL und selbst nicht immun). Als der Kolumbianer starb, wollte ich für eine Jugendhauszeitschrift eine Art Nachruf – nicht ganz unkritisch, aber eben doch mit einer gewissen Verehrung – schreiben. Zum Glück hatte ich mich dann doch nicht dazu entblödet.

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