„Am Ende war das Wort.“ – Nona Fernández: Die Toten im trüben Wasser des Mapocho

Literatur Chile Fernández Wasser MapochoEs sind keine schönen Geschichten, die man sich in den Straßen von Santiago de Chile erzählt. Da gibt es den Indigenen Lautaro, dessen Kopf einst von den spanischen Eroberern auf eine Lanze aufgespießt und in den Fluten des Mapocho versenkt wurde. Seit dieser Zeit geistert Lautaro als kopfloser Reiter durch die Stadt.

Und dann gibt es den Teufel höchstpersönlich, der von zahllosen Sklaven die erste feste Brücke der Stadt erbauen ließ, dank der Santiago „die Tentakeln“ ausstreckte und „den Duft des Paradieses unter dem Zement des Fortschritts“ begrub. Ein Mann in Lumpen. In seinem Handkarren schläft eine Frau, ihre Eingeweide hängen heraus. Man hat ihr das Kind aus dem Bauch gerissen. Das ist ihre Geschichte.

Es sind viele finstere Geschichten, die man sich in den Häusern und auf den Straßen von Santiago erzählt – und das, obwohl oben, auf dem Hügel, die Statue der Jungfrau Maria wacht. Die Mutter Gottes allerdings „guckt nur, wenn es ihr passt“. Und wenn sie dann doch hinschaut, dann hat sie „nur Augen für die, die auf der anderen Seite des Flusses leben … Während der Rest der Stadt beim Gebet in ihr Gesicht voller Erbarmen blickt, begnügen wir uns mit ihrem Hintern.“ Überflüssig zu erwähnen, dass die Jungfrau Maria nur Spanisch spricht und „nicht die Sprache der Mapuchen“.

Die Protagonisten in Nona Fernández’ Roman Die Toten im trüben Wasser des Mapocho kämpfen mit ihren eigenen und mit fremden Geschichten. Sie kämpfen mit ihrer Vergangenheit, ihrer Erinnerung und ihrer Gegenwart, die unlösbar mit der Geschichte Chiles verwoben sind. Indio ist „halb verrückt“, Fausto leidet unter geistigem Verfall und Verfolgungswahn. Dies sind die offiziellen Diagnosen. Doch wo die Realität endet und der Wahn beginnt – das bleibt auch für den Leser im Unklaren.

Und so lässt Nona Fernández den Leser ganz bewusst im Trüben fischen: Begegnungen auf der Straße und Visionen von apokalyptisch anmutenden Reitern tauchen unvermittelt auf – ebenso wie die Geschichten und Gliedmaßen der unzähligen Toten, die der Fluss Mapocho immer wieder nach oben schwemmt. Nona Fernández überzeugt in ihrem Roman vor allem durch eine eindeutige, ungeschönte Sprache. Wenn sie „Scheiße“ meint, dann schreibt sie „Scheiße“ – und nicht „Fäkalien“. Und so soll es sein.

Nona Fernández zählt zu den bekanntesten zeitgenössischen Autoren Chiles. Neben ihrem Roman Die Toten im trüben Wasser des Mapocho ist seit diesem Jahr auch der Band Der Himmel mit Erzählungen im Septime Verlag erhältlich.

Nona Fernández: Die Toten im trüben Wasser des Mapocho. Roman. Aus dem chilenischen Spanisch von Anna Gentz. 2012. 256 Seiten. Septime Verlag. ISBN: 978-3-902711-09-0

Advertisements

Autor: andreabreuer

Bloggt über Weltliteratur & Straßenpoesie. Arbeitet mit Texten, Menschen & Sprachen. Mainz. |

7 Kommentare zu „„Am Ende war das Wort.“ – Nona Fernández: Die Toten im trüben Wasser des Mapocho“

  1. Ich glaube ich möchte im Trüben fischen.
    Hier werden immer so viele interessante Romane vorgestellt, dass es schwer fällt nicht die Beherrschung zu verlieren. Ich werde die Autorin und deine Zeilen für meinen nächsten Buchkauf in Erinnerung behalten.

    Liebe Grüße,
    Tanja

    Gefällt 1 Person

  2. Danke für die Rezension. Ja, diese vielen Begegnungen auf der Straße, auf die du uns aufmerksam machst, artikulieren dieser hervorragende Roman und spannende Reise in die Geschichte Chiles. Eine ähnliche Arbeit mit der Sprache und den Diskursen des chilenischen Neoliberalismus finden wir auch in ihrem zweiten Roman „Avenida 10 de Julio Huamachuco“ (2007). Schöne Grüße! Soledad.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s