Lektüre überlebt: Jürgen Heimbachs Regionalkrimi „Chagalls Rache“

Heimbach Chagalls RacheVon Axel Hacke stammt der schöne Satz: „Erst wenn der letzte deutsche Lehrer und der letzte deutsche Journalist einen Regionalkrimi geschrieben haben werden, werdet ihr merken, dass man’s auch übertreiben kann.“

Als großer Freund der Kulturindustrie habe ich schon so manchen Protagonisten seufzend, die Lippen zusammen pressend und innerlich fluchend erlebt – warum also, so fragte ich mich, nicht einmal einige Lesestunden mit dem liebsten Kind der Regionalpresse und dem größten Feind des überregionalen Feuilletons verbringen?

Zugegeben, ich war auf der Suche nach etwas richtig Schlechtem, als ich vor dem Regionalkrimi-Sortiment meiner Mainzer Buchhandelsnachbarschaft Bukafski stand: unterirdischer Stil, flache Charaktere und endlos verwickelte Ortsbeschreibungen, um den Text mit möglichst vielen regionalen Sehenswürdigkeiten aufzublähen. Alle meine Vorurteile gegenüber dem Regionalkrimi sollten sich bestätigen.

Die Wahl fiel – Klappentext sei Dank – auf Jürgen Heimbachs Krimi Chagalls Rache aus dem Ingelheimer Leinpfad Verlag.

Der Mainzer Hauptkommissar Henning Sikorski untersucht eine Reihe mysteriöser Morde, von denen einer im beschaulichen Mainzer Sand verübt wurde. Und dann taucht auch noch ein Erpresser auf, der damit droht, die (in Mainz) berühmten Chagall-Fenster der Kirche St. Stephan zu zerstören. Der gute Staatsbürger weiß: Die Polizei ist erst einmal beschäftigt.

Gleichzeitig quartiert sich Bösewicht Simon Engel dort ein, wo sich Verbrecher in Mainz so einquartieren – nämlich in einem zweitklassigen Hotel direkt bei mir um die Ecke in der Nackstraße, in den „engen Straßen der Neustadt“. (Wenn ich mir die kleine ortskundige Anmerkung erlauben darf: Nicht die Straßen der Neustadt sind eng, sondern der bezahlbare Wohnraum ist knapp.)

Die Spur des Verbrechens führt durch die bekannten und einige der unbekannteren Straßen von Mainz. Dabei liefert Autor Heimbach dem Leser Regionalgeschichte in – überraschend gut verdaulichen – kleinen Dosen. Auch die Protagonisten in Chagalls Rache äußern ihre Gefühle gelegentlich in stilistischen Aussetzern, erfreulicherweise wird jedoch sehr viel seltener geseufzt als in den Romanen von Dan Brown.

Die Stärke des Romans liegt zweifellos im Handlungsaufbau und in den Dialogen – womit Heimbach eigentlich eine perfekte Vorlage für ein Drehbuch liefert. Für einen Preis von 11,90 Euro erhält der Leser zudem zwei erstaunlich spannende Showdowns sowie eine Schlusspointe, die man sich fürs wahre Leben wünscht.

Freunden des sozialkritischen Kriminalromans sei gesagt: Mit Hauptkommissar Sikorski lässt sich keine Revolution machen. Er tut seinen Job. Nicht mehr und nicht weniger. Und genau darum ist Chagalls Rache wohl auch ein ziemlich realistischer Regionalroman.

Schauplätze aus Chagalls Rache: Kirche St. Stephan, zwei Impressionen aus der famosen Nackstraße, Bahnhofsplatz Mainz, Mainzer Sand, Loreley



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Autor: andreabreuer

Bloggt über Weltliteratur & Straßenpoesie. Arbeitet mit Texten, Menschen & Sprachen. Mainz. |

27 Kommentare zu „Lektüre überlebt: Jürgen Heimbachs Regionalkrimi „Chagalls Rache““

  1. Ja, so ist er, der Hacke! Aber auch er kann mich nicht davon abhalten, ab und an einen Regionalkrimi zu lesen. Und da ich gerade die Chagall-Fenster in St. Stephan bewundert und auch den Mainzer Sand erwandert habe, werde ich Heimbachs „Rache“ dann wohl auch mal lesen. Danke für den Tipp.

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  2. Gäbe es noch einen weißen Fleck auf der Krimi-Landkarte, müsste man ihn pachten, umzäunen und, sollten sie denn unbedingt hineinwollen, die Lehrer und Journalisten, zur Recherche und um das Kolorit anrühren zu können, zum Eintritt Geld verlangen. Da würde vielleicht schon ein ansehnliches Sümmchen zusammenkommen. Oder auch nicht.
    Freundlichst
    Ihr Herr Hund

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      1. Und es wäre auszubauen, denn irgendwann würde die ARD dort auch einen Tatort drehen wollen, sofern die Schauspieler vorher nicht alle aussterben oder rechtzeitig nach Hollywood flüchten konnten. Die GEZ-Gebühren würde ich jedenfalls nicht verschmähen.

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  3. Liebe Andrea, schon mit Krimis im Allgemeinen hab‘ ich es nicht so, Regionalkrimis sind mir in der Regel ein Graus, und in Mainz kenne ich mich – leider! – überhaupt nicht aus. Aber: Deine Besprechung ist spitze! Ich grinse immer noch. ;-)

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  4. Schon die Überschrift hat mich so neugierig gemacht, dass ich mir Deinen Beitrag zum Genießen für ruhige Zeiten aufbewahrt habe. Hat sich gelohnt. Und auch wenn Du zu einem sehr differenzierten Urteil kommst, werde ich mich so schnell nicht auf die Regionalkrimis stürzen. Und auch selbst keinen schreiben wollen – das nur mal so zu Herrn Hackes Bonmot :-).
    Viele Grüße, Claudia

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    1. Ja, gute Frage, Leo. Ich würde mal sagen, dass das Label eher von den Verlagen kommt als von den Autoren. Oben erwähnter Hr. Heimbach bezeichnet seine Krimis auf seiner Website auch als „Kriminalromane“, nicht als Regionalkrimis. Ob man dann tatsächlich auch zu Regionalkrimis aus anderen Regionen greift, liegt wohl auch am Image der Region. Ich glaube, die Eifel-Krimis sind ja auch überregional gut abgesetzt worden. Bei Wanne-Eickel-Krimis müsste man bei mir dann allerdings auch erhebliche Überzeugungsarbeit leisten… :-) Liebe Grüße!

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      1. Naja hier muss man dazusagen, dass der Leinpfad-Verlag über sich selbst verlauten lässt, dass das recht bunte Programm die „Region“ als verpflichtenden gemeinsamen Nenner hat, das heißt nach eigenem Selbstverständnis kann der Leinpfad-Verlag nur „Regiokrimis“ machen. Muss der Heimbach mit leben oder ein Haus weiter gehen ;)

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  5. Lieber Leo, ich bin Wiesbadener und kenne Heimbach, der engagiert in Mainz, Rheinhessen, Wiesbaden und dem Rheingau mit Erfolg auf seine Bücher aufmerksam macht. Der Erfolg vieler Regionalkrimis besteht halt darin, dass in einer bestimmten Gegend AutorenInnen derartiger Krimis einen hohen Bekanntheitsgrad haben. Ihre Bücher schreiben erzielen durchaus akzeptable Verkäufe. Mehr sicherlich als mit einer nicht in einer Region verankerten Story, die in der Republik untergeht. Und der Stempel „Regionalkrimi“ ist nicht automatisch ein Kriterium für mindere Qualität.

    Allgemein – nicht auf Leos Kommentar bezogen: Ich selbst schätze auch bei weitem nicht alle dieser „regionalen Erzeugnisse“, aber Häme über das gesamte Subgenre auszuschütten, das würde mir nicht einfallen.

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  6. Herr Hacke: Köstlich!! Bravo! Ich kann mich einfach nicht für Krimis und im besonderen für Regionalkrimis begeistern. Obwohl ich mit diesem ja einen netten „Einstieg“ hätte ;)

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  7. Hach, zumindest die Besprechung habe ich gern gelesen! Wenn „Regionalkrimi“ draufsteht, lasse ich Bücher ja stehen; das hat sich bislang nicht als Fehler erwiesen. Aber in ein und demselben Buch Boppstraße und die Loreley — das macht mich geradezu neugierig.

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  8. Zum Thema „verträgliche Dosen“ – ich glaube, seit ich das Buch vor etwa einem Jahr gelesen habe, vergeht eigentlich kaum ein Tag, an dem ich nicht mit der Straßenbahn die Gaustraße hochtuckere und an dieses Buch denke und die Info, dass dies der steilste Straßenbahnschienenabschnitt der Republik ist.

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