„Das Land ist im Arsch.“ – In Koli Jean Bofanes Roman „Sinusbögen überm Kongo“

Literatur_Sinusbögen überm KongoWie Ameisenheere strömen die Menschenmassen täglich zu Fuß nach Kinshasa, in diese magische Stadt, die mit ihren modernen Hochhäusern Arbeit und Wohlstand verspricht. In dieser „grausamen Königin“ Kinshasa, die sich von den Hoffnungen und Träumen der Kongolesen ernährt, lebt Celio.

Celio, das ehemalige Waisenkind, schlägt sich gerade so durch. Er geht von Haus zu Haus und bittet um Spenden für eine „NGO, die sich mit allem und nichts beschäftigt“. Seine eigentliche Berufung ist die Mathematik – allein die Nachfrage nach Sinuskurven und Hypotenusen fehlt.

 

Dann gibt es noch Stabsfeldwebel Bamba, der seine militärische Laufbahn als Kindersoldat im Kampf gegen den Kommunismus begonnen hat. Wie Celio ist auch Bamba viel auf den Straßen von Kinshasa unterwegs. Er heuert dort für ein Taschengeld Komparsen an, damit sie auf politischen Massenveranstaltungen eine begeisterte Menschenmenge mimen – „eine echte Charakterrolle“.

Und über allen Protagonisten schwebt der Hunger. Und so hat man im Kongo ein Überlebenssystem entwickelt und den Tag in Gongs eingeteilt. Gongs markieren die Mahlzeiten eines Tages. Der Wechsel-Gong unterdessen, der die Ära des Gongs bald ablöste, bedeutet, dass die eine Hälfte der Familie an einem Tag isst, die andere Hälfte der Familie am anderen Tag: „Der Internationale Währungsfonds applaudierte vor so viel Kampfesgeist.“

In dem Roman erscheint der Kongo als große Bühne. Politiker spielen Regierung und Opposition, das hungernde Volk stellt die Statisten, die Medien interpretieren auf Befehl, die internationale Gemeinschaft reagiert nach Vorlage. Kurz gesagt: „Das Land ist im Arsch.“

Sinusbögen überm Kongo steckt voller tragischer, heiterer und bitterböser Momente, ohne jemals ins Klischeehafte zu rutschen. Der Leser betritt hier nicht das Herz der Finsternis. Denn dass es aus dem scheinbar ewigen Schauspiel aus Macht, Korruption und Manipulation einen Ausweg gibt, dafür steht Celio. Von einer vorübergehenden Charakterschwäche geheilt, tritt er als Statist von der Bühne ab, um als Regisseur ein eigenes Meisterwerk aufzuführen.

In Koli Jean Bofane wurde im kongolesischen Mbandaka geboren und lebt seit seiner Flucht im Jahr 1993 in Belgien. Für seinen Roman Sinusbögen überm Kongo, der im Original unter dem Titel Mathématiques congolaises erschien, erhielt er 2009 den Grand Prix littéraire de l’Afrique noire.

In Koli Jean Bofane: Sinusbögen überm Kongo. Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Katja Meintel. 344 Seiten. Gebunden. Horlemann Verlag. ISBN 978-3-89502-359-0



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Autor: andreabreuer

Bloggt über Weltliteratur & Straßenpoesie. Arbeitet mit Texten, Menschen & Sprachen. Mainz. |

3 Kommentare zu „„Das Land ist im Arsch.“ – In Koli Jean Bofanes Roman „Sinusbögen überm Kongo““

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