Wie groß sollte unser Aufmerksamkeitskreis sein? Zadie Smiths Erzählung „Die Botschaft von Kambodscha“

London-Literatur_Zadie Smith Botschaft KambodschaIn einer alten Metro-Ausgabe liest Fatou die Geschichte einer Londoner Sklavin. Wenn Fatou ihr eigenes Leben als Haushälterin im Nordwesten von London mit dieser Sklavin vergleicht, dann geht es ihr eigentlich ganz gut.

Sie wurde noch nie von ihren Arbeitgebern verprügelt. (Gut, geohrfeigt schon.) Sie darf sogar das Haus verlassen. Auch die Freiheit versprechende Oyster Card darf sie mitnehmen, wenn sie die Einkäufe der Familie im Londoner Stadtteil Willesden erledigt. Nicht so gut: Ihren Pass musste sie der Familie bei Arbeitsantritt aushändigen – und ihren Lohn bekommt sie auch nicht ausgezahlt, schließlich verursacht Fatou Kosten bei der Nahrungsaufnahme und beim Wasserverbrauch.

So steht es um Fatou, deren einziger Luxus der wöchentliche Schwimmbad-Besuch ist. Den Eintritt zahlt sie mit den unbenutzten Gastkarten ihres Arbeitgebers. Es gibt Menschen, die das Diebstahl nennen.

Auf ihrem Weg durch die Straßen von Willesden legt Fatou regelmäßig eine kleine Pause vor der Botschaft von Kambodscha ein. Es sind die Geräusche eines Badminton-Spiels (Plong, zack), die sie anziehen. Eines Tages sieht Fatou eine eigenartige Frau aus der Botschaft herauskommen: graues Hemd, Regenmantel, schlaffer Regenhut und zahllose Plastiktüten von Sainsbury’s in den Händen:

„Aber als sie sich die Tüten, die die Kambodschanerin dabeihatte, noch einmal genauer ansah, fragte sich Fatou, ob es nicht womöglich sehr alte Tüten waren – sahen die inzwischen nicht anders aus? Je länger sie sie betrachtete, desto sicherer war sie, dass sie keine Lebensmittel enthielten, sondern Kleidung oder etwas ganz anderes…“

Und eines noch anderen Tages rettet Fatou dem Kind ihres Arbeitgebers das Leben. Dabei ist sie Haushälterin, keine Kinderbetreuerin. Sie hat ihre Kompetenzen überschritten.

Die Schlüsselfrage, die Zadie Smith in Die Botschaft von Kambodscha stellt, heißt: „Es spricht einiges dafür, einen Kreis um unsere Aufmerksamkeit zu ziehen und uns innerhalb dieses Kreises zu bewegen. Aber wie groß sollte so ein Kreis sein?“

Die Antwort, die sich nach der Lektüre der Erzählung auftut: Der Kreis, den wir um unsere Aufmerksamkeit ziehen, muss nicht groß sein. Aber er sollte mindestens jene Menschen einschließen, die wir täglich auf der Straße sehen. In Deutschland tragen sie ihr Hab und Gut nicht in alten, ausgebeutelten Tüten von Sainsbury’s mit sich, sondern in ausgeblichenen Lidl- oder Aldi-Tüten. Sie nehmen keine unbenutzten Karten für das Schwimmbad an sich, sondern warten am Flaschenautomaten auf vergessene Pfandbons. Einen Unterschied macht das nicht.

Die Titel der einzelnen Kapitel zählen – wie beim Badminton – den aktuellen Spielstand in Fatous Lebensmatch durch: 0-1, 0-2, 0-3, 0-4… Der Leser verlässt Fatou beim Spielstand 0-21. Und es bleibt die Hoffnung, dass es für Fatou – wie beim Badminton – noch einen zweiten Satz geben wird.

Die zweisprachige Ausgabe von Kiepenheuer & Witsch ist ein wahrlich liebevoll gestaltetes Taschenbuch – und Zadie Smiths Erzählung ein kleines literarisches Meisterwerk mit großer Botschaft.

Zadie Smith: Die Botschaft von Kambodscha – The Embassy of Cambodia. Zweisprachige Ausgabe. Englisch/Deutsch. Taschenbuch. 117 Seiten. 2014. Kiepenheuer & Witsch. ISBN: 978-3-462-04685-4


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Autor: andreabreuer

Bloggt über Weltliteratur & Straßenpoesie. Arbeitet mit Texten, Menschen & Sprachen. Mainz. |

9 Kommentare zu „Wie groß sollte unser Aufmerksamkeitskreis sein? Zadie Smiths Erzählung „Die Botschaft von Kambodscha““

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