Liza Codys Obdachlosenroman Lady Bag: „Quasseln, quasseln, quasseln und nichts merken.“

London-Literatur Lady BagEine Obdachlose mit Hund versucht, ein Verbrechen in London aufzuklären. Das ist der Plot (um es kurz zu machen) von Lady Bag. Und dennoch habe ich keinen Kriminalroman gelesen.

Gelesen habe ich einen Großstadtroman aus der Perspektive einer Ausgestoßenen. Ihre besten Freunde sind der Rotwein und Hund Elektra. Das war nicht immer so. Erst einmal ihr Vermögen und ihren gut bezahlten Job verloren, geht es – aus der Sicht der Gesellschaft – für sie bergab:

„Sie besorgen dir eine Behelfsunterkunft in einer Vorstadtpension, meilenweit von Sozial- und Arbeitsamt. Du hast kein Geld für den Bus, also brauchst du Stunden, um zu Fuß hinzulaufen, nur um festzustellen, dass das zuständige Büro geschlossen hat.“

Also wird sie „freiwillig obdachlos“. Das ist eine Erlösung, denn: „Du kannst endlich aufhören, krampfhaft um den Wiedereintritt in die Gesellschaft zu kämpfen, und dich ganz aufs Überleben konzentrieren.“

Ihr Revier wird das West End, dort sind die Touristen, dort ist alles vollgemüllt -„ein Stadtteil der unbegrenzten Möglichkeiten“. Im Hyde Park benutzt sie die öffentliche Toilette, und Elektra trinkt aus dem See.

Gelegentlich gibt ihr jemand Geld, dann sagt sie Dinge wie: „Ihre Freundlichkeit wird Sie vor einem Schicksal wie meinem bewahren“, denn angeheiterte Menschen stehen auf diesen „Karmascheiß“.

Es gibt aber auch Abende, an denen Menschen aus dem Theater strömen, „quasseln, quasseln, quasseln und nichts merken“ und über sie und Hund Elektra hinwegtrampeln. Dann kann sie böse werden: „Was verstand er schon von einem Hund, der seit heute früh um sechs zu Fuß halb London durchquert hat?“ Als Leser versteht man mit jeder Seite mehr, was es für Mensch und Hund bedeutet, den ganzen Tag (und die Nächte) auf den Straßen zu leben. Und das ist wohl auch das Anliegen der Autorin. Ob der Schurke – um zum Kriminalroman zurückzukommen – am Ende zur Rechenschaft gezogen wird, das bleibt Nebensache.

Autorin Liza Cody, laut Klappentext selbst mit „Gossenerfahrung“ ausgestattet, erschafft in Lady Bag eine durch und durch glaubwürdige Protagonistin – eine zornige Zynikerin, die von der Gesellschaft nichts mehr erwartet. Diese Haltung spiegelt sich auch im rigorosen Schreibstil wider. Dickens würde heute hoffentlich solche Romane über das Leben in London schreiben. Große Erwartungen jedenfalls hat unter Liza Codys Protagonisten niemand mehr.

Im Anhang des Buchs findet sich eine Linksammlung zum Thema Obdachlosigkeit, die der Argument Verlag auch auf seiner Website veröffentlicht hat.

Ich verweise hier sehr gerne auf den Blog Krimilese, durch den ich auf Liza Codys Roman aufmerksam wurde.

Liza Cody: Lady Bag. Roman. Gebunden, 320 Seiten. Aus dem Englischen von Laudan & Szelinski. Argument Verlag 2014. ISBN 978-3-86754-222-7

Als eBook ist der Roman erhältlich bei CulturBooks.


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Autor: andreabreuer

Bloggt über Weltliteratur & Straßenpoesie. Arbeitet mit Texten, Menschen & Sprachen. Mainz. |

2 Kommentare zu „Liza Codys Obdachlosenroman Lady Bag: „Quasseln, quasseln, quasseln und nichts merken.““

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