Allein unter Männern

I.

Zuerst sehe ich die Urkunden. Die Urkunden, dann das Fax-Gerät und den Computer. M. selbst sitzt am Schreibtisch, lächelt stolz, in schwarzem Anzug. „Meine Kanzlei“, erklärt er mir.

Jetzt steht M. am Grill. Ein großer Garten. „Mein Haus.“

Ziemlich keck, der Kleine, das Papier gerollt im Mundwinkel, er mimt grinsend einen Raucher. „Mein Jüngster, zwei Jahre.“ M. lächelt.

„Meine Frau.“ Sympathisch, finde ich, freundliches Lächeln. „Wo ist sie jetzt?“ „Sie wartet. Mit den Kindern.“

„Mein Auto.“ Finger huschen über das Display. Zoom. Zwei Einschusslöcher über dem Vorderreifen. Wir blicken uns an.

M. steckt sein Smartphone ein. Er müsse nun gehen, man wolle ihm die Haare schneiden.

Jetzt stehe ich alleine im Hof. Im Dunkeln blicke ich M. hinterher. In Deutschland trägt er Jogginghose. An der Tür zur Flüchtlingsunterkunft dreht er sich um und winkt mir noch einmal zu.

II.

Drinnen dann das Labyrinth. Gänge, Gänge, rechts und links, die Türen offen, Zimmer mit Hochbetten. Ein Raum mit Bänken und Kleiderhaken, früher Umkleidekabine. Wieder ein Gang, die Zimmer. Bin ich im Kreis gegangen?

A. kenne ich vom Sehen. Laufe jetzt schon das dritte Mal an ihm vorbei. Mit Handy und Aufladekabel klebt er an der Wand. Beim ersten Mal hat er freundlich gegrüßt, jetzt grinst er.

Woher er denn komme, frage ich.

„Aleppo.“

Seine Frau und sein Sohn seien noch dort.

Aleppo.

„Wie alt ist dein Sohn?“

„Er ist heute fünf geworden.“

Er zeigt mir die WhatsApp-Nachricht, die er seinem Sohn zum Geburtstag geschickt hat.

III.

A. ist nicht alleine gekommen.

Er winkt seinen Bruder heran, siebzehn, achtzehn Jahre vielleicht, und stellt uns vor. Er könne schon etwas Deutsch, berichtet mir H. stolz, im Gegensatz zu A. – er knufft seinen Bruder – und zeigt als Beweis auf das Janosch-Buch, das er bei sich trägt.

Wann sie denn in Deutschland angekommen seien, will ich wissen. Vor fast zwei Monaten. Aber das mit dem Deutsch, fügt A. hinzu, stimme so nicht. Er spreche schon einige Wörter. Und um seinen guten Willen zu demonstrieren, zählt er seine Sprachkenntnisse auf: Arabisch, Englisch, Türkisch. Nach einer kurzen Pause schiebt er noch Kurdisch hinterher.

IV.

Es stellt sich heraus, dass A. und H. einen Cousin haben.

Cousin Y. ist etwas hektisch in seiner Kommunikation, er möchte unbedingt nach Frankfurt, dort könnte er bei einem Verwandten wohnen. „It takes so long waiting for the Papiere.“

A. und H. nicken. In anderen Städten gehe es schneller, sagt mir A. Besser nicht ins Rheinland, erzähle man sich. Wegen der Behörden, ergänzt er, die Menschen auf der Straße seien alle sehr nett.

V.

Plötzlich stehen wir im Dunkeln. Um uns herum Bewegung, Geräusche. Von hinten legt sich eine Hand auf meine Schulter. Meinen Rucksack habe er hinten in die Ecke gestellt, sagt jemand, dort sei er sicherer. Als das Licht wieder angeht, stehen wir unverändert in unserer Runde.

„Vielen Dank fürs Zuhören“, sagt A.

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Autor: andreabreuer

Bloggt über Weltliteratur & Straßenpoesie. Arbeitet mit Texten, Menschen & Sprachen. Mainz. |

5 Kommentare zu „Allein unter Männern“

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