#delicious_german_viza

Assaf Alassaf: Abu Jürgen. Mein Leben mit dem deutschen Botschafter

Im Rahmen seiner Kampagne für das deutsche Visum schwört Abu Rita der argentinischen Fußballmannschaft ab, er lässt das Haus der deutschen Botschaft in Beirut bespitzeln, liest Brecht und gibt eine maßgeschneiderte „schwarze Hose aus Pfirsichsamt mit achtzehn Bundfalten“ in Auftrag – was man als Syrer eben so für ein deutsches Visum tut.

Die Kampagne für das deutsche Visum hat natürlich einen Hashtag: #delicious_german_viza: „Achtung, Achtung! Liebe und Friede für alle Völker dieser Erde, in Asien, Afrika und Lateinamerika. Ich bitte euch, benutzt alle diesen Hashtag, den Hashtag der Kampagne für mein deutsches Visum.“

Während die Kampagne ihren Lauf nimmt, stößt Abu Rita unversehens ins Zentrum der vermeintlichen Entscheidungsmacht vor. An einem Falafel-Stand trifft er auf den deutschen Botschafter. Mit „ein paar Falafel-Bällchen und Chillies extra“ erschleicht er sich die Freundschaft des Botschafters und gewinnt schließlich Einlass in sein Reich. Immer wieder fragt Abu Rita, ob sich denn in Bezug auf sein Visum schon etwas getan habe.

Der Botschafter hat allerdings „überhaupt keine Bewegungsfreiheit“ – und darüber hinaus eigene Probleme, in deren Angelegenheit er nun Abu Rita konsultiert: Wie kann er die Tauben- und weitere Kleinkriege mit seinem Nachbarn, dem französischen Botschafter, lösen? Und: Wohin mit dem Geld aus dem zwanzig Mitglieder zählenden Sparverein: einen kleinen Kiosk in der Botschaft eröffnen oder besser ein Taxi-Unternehmen gründen? Und: „Könntest du uns eventuell etwas leihen, Abu Rita?“

Ob Protagonist Abu Rita am Ende tatsächlich sein deutsches Visum erhält, wird hier nicht verraten. Der syrische Autor Assaf Alassaf jedenfalls, auf dessen Facebook-Beiträgen dieser Roman beruht, wurde zuletzt in Deutschland gesehen. Kampagne gelungen.

Assaf Alassaf spielt mit den Erzählebenen, er bricht die Erwartungen des Lesers und steigert kafkaeske Amtsgespräche ins Groteske. Heiliges und Profanes, West und Ost, Bittsteller und Wohltäter – Assaf Alassaf stellt die Weltordnung in seinem Schelmenroman 2.0 stilistisch gekonnt auf den Kopf. Diese Lachkultur hätte Bachtin gefallen.

Assaf Alassaf: Abu Jürgen. Mein Leben mit dem deutschen Botschafter. Aus dem Arabischen von Sandra Hetzl. Ca. 200 Smartphone-Seiten. E-Book. mikrotext 2015. ISBN 978-3-944543-27-7.

Abu Jürgen Visum

Zur Leseprobe (pdf) bei mikrotext.

 

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Autor: andreabreuer

Bloggt über Weltliteratur & Straßenpoesie. Arbeitet mit Texten, Menschen & Sprachen. Mainz. |

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