Allein unter Männern

I.

Zuerst sehe ich die Urkunden. Die Urkunden, dann das Fax-Gerät und den Computer. M. selbst sitzt am Schreibtisch, lächelt stolz, in schwarzem Anzug. „Meine Kanzlei“, erklärt er mir.

Jetzt steht M. am Grill. Ein großer Garten. „Mein Haus.“

Ziemlich keck, der Kleine, das Papier gerollt im Mundwinkel, er mimt grinsend einen Raucher. „Mein Jüngster, zwei Jahre.“ M. lächelt.

„Meine Frau.“ Sympathisch, finde ich, freundliches Lächeln. „Wo ist sie jetzt?“ „Sie wartet. Mit den Kindern.“

„Mein Auto.“ Finger huschen über das Display. Zoom. Zwei Einschusslöcher über dem Vorderreifen. Wir blicken uns an.

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Ummmmma. Deutsche Herbstbegegnungen

Klackklack.

In H. steigt er immer in die S-Bahn, der Herr mit der Wollmütze und der überdimensionalen Ledertasche.

Klackklack.

In F. steigt er wieder aus. Immer nur eine Station.

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Oh Freunde, diese Töne.

Die AfD. Gestern in Mainz unter dem Gutenberg-Denkmal.

Der Dom dunkel, das Mainzer Staatstheater mit Bahnhofsbeleuchtung und Banner aus Lessings Nathan: „Es eifre jeder seiner unbestochenen von Vorurteilen freien Liebe nach.“

Rund 1.000 Gegendemonstranten lärmen, was das Zeug hält. Lauter Applaus, als aus dem Theater die Ode an die Freude erklingt: „Alle Menschen werden Brüder.“

Vor mir, direkt an der Absperrung, eine alte Dame, die im strömenden Regen mit ihrer Trillerpfeife unablässig gegen die AfD anlärmt. Bei ihr ein Flüchtling. Er ist ganz stumm und hält ihr den aufgespannten Regenschirm über den Kopf.

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Warten. In der Oxford Street.


Warten.

In der Oxford Street.

Pflaster Pflaster Schuhe.

Hin und her der Kinderwagen.

Ampel grün.

Schuhe Schuhe Schuhe.

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Transparenz-Lehrstück aus der Vorhölle des Buch-Marketings

Irgendwo in Deutschland. Eine institutionell-internationalisierte regionale Buchmesse für Kleinverlage. Verlegerin Z. steht allein an ihrem Stand und starrt ins Leere. Bloggerin A. und ihr Blogpraktikant J. treten hinzu.

BLOGGERIN A. [greift ohne zu zögern nach zwei Büchern und blättert sie durch]: Die sind ja spannend…

VERLEGERIN Z.: Mhm.

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Freddies Schatten in Earls Court

Zufällig verirren sich London-Touristen nur selten hierher. Der Logan Place ist ein ruhiger Ort. Klassisches Wohngebiet, eher hochpreisig, wie man gerne sagt.

Und so stehen wir ziemlich verlassen vor der Garden Lodge, wo Freddie Mercury lebte, arbeitete und starb. Wir sehen uns die Nachrichten an, die Fans aus aller Welt für Freddie hinterlassen haben: Freddie lives forever, heißt es da. Oder auch: Thinking of you. Manche Fans setzen sich selbst ein Denkmal: Boldi estuvo aquí. Boldi war hier.

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Neulich, beim Schrubben der Taubenkacke

Einen Kopf kleiner als ich und ungefähr dreißig Jahre älter. Der Herr im abgetragenen Anzug nähert sich im Zickzackkurs, während ich der urbanen Taubenkacke den Kampf ansage. Mit einem kleinen Zettel in der Hand winkt er mir zu, deutet auf sich selbst und sagt: „Syrien.“

„Hallo“, sage ich so weltoffen, wie es einem Deutschen möglich ist.

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