Aus der Bahn: Jetzt oder nie!

Oooolahlaaaah. Schaalalalalaaaaaaaaaaah.

Junggesellenabschied im IC Mainz-Koblenz.

In Ingelheim wird der Lärm unerträglich. Ich blicke mich um. Ältere Damen schütteln den Kopf. Ich nicht. Ich bin nicht wie ältere Damen. Ich bin tolerant. Und ich habe einen iPod. Lautstärke auf Maximum.

Oooolahlaaaah. Schaalalalalaaaaaaaaaaah.

Der Anführer hat jetzt ein Megaphon.

Ich kontrolliere die Einstellungen des iPod. Maximum ist das Maximum.

Der Binger Mäuseturm zieht vorbei. Ein fäkaler Biergeruch durchdringt den Waggon. Ich nehme die Kopfhörer ab.

Oooolahlaaaah… Ein schlafendes Mädel am Ufer ich fand…  Sie hatte die Beine weit von sich gestreckt… Oooolahlaaaah.

Erneut blicke ich mich um. Die älteren Damen wirken angeekelt.

Oooolahlaaaah… Ihr schneeweißer Busen war halb nur bedeckt… Ich machte mich über die Schlafende her… Oooolahlaaaah. 

In der Ferne taucht die Loreley auf. Ich denke an Heine. Jetzt oder nie, sage ich mir.

Im Gang stehe ich dem Anführer gegenüber. Jetzt gibt es nur noch ihn und mich. Im Hintergrund läuft Spiel mir das Lied vom Tod.

„Du gibst mir jetzt dein Megaphon“, sage ich.

Der Anführer starrt mich an.

„Das ist kein Witz“, sage ich.

Die Meute lacht.

Ich entsichere den Colt. Gehe langsam auf ihn zu. Wüstenstaub. Der Anführer klammert sich an sein Megaphon. Ich mich auch. Gerangel. Es wird keinen Sieger geben.

Er und ich, das Megaphon weiter fest im Griff. Ich wende mich ohne Verstärker an die Meute. Und predige über Möchte-gern-Vergewaltiger. Und dass sich die Auserwählte schon auf ihren Assi-Ehemann freuen kann. Und so weiter. Und überhaupt.

Die Meute verstummt.

Für einen kurzen Moment fühle ich mich wie Angelina Jolie. Innerhalb von Sekunden habe ich die gesamte Meute ausgeschaltet. Beidhändig.

Dann wandert mein Blick durch den Waggon. Entsetzte Gesichter bei den Seniorinnen. Nur eine ältere Dame lächelt mich unaufhörlich an.

Den Rest der Fahrt verbringe ich im benachbarten Exil-Waggon. Die Gesänge haben aufgehört.

Zurück in Mainz, echauffiere ich mich bei Mr. X. über das Geschehene. Er schweigt.

„Hast du denn gar nichts dazu zu sagen?“, frage ich.

„Manchmal machst du mir Angst“, sagt er.

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Autor: andreabreuer

Bloggt über Weltliteratur & Straßenpoesie. Arbeitet mit Texten, Menschen & Sprachen. Mainz. |

30 Kommentare zu „Aus der Bahn: Jetzt oder nie!“

  1. Wenn ich Junggesellenabschiedshorden sehe, denke ich immer an einen (leider schon verstorbenen) katalanischen Kollegen, der die Ehe als die gerechte Strafe für Dummheit bezeichnete. Übrigens gibt es in unserer kleinen Stadt auch das weiblich Äquivalent, welches dem Begriff „Fremdschämen“ ganz neue Dimensionen verleiht. Schade, dass die Bande nicht am Loreleyfelsen zerschellt ist.

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  2. Oh wow – find‘ ich stark. Dachte erst, das wäre fiktiv. Man sollte viel öfter die Klappe aufmachen bei sowas. Auch wenn’s meist nicht mehr bringt als das gute Gefühl, nicht nur schweigend zu den Mitleidenden zu gehören. Cool.

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  3. Um diesen Beitrag ranken sich also sämtliche Facebookgespräche!
    Jetzt kann ich die Begeisterung für deine wohlgeformten Worte mit voller Zuggeschwindigkeit teilen: die Worte im Beitrag, die Beifall wachrufen und die, die das minus-Betragen haben verstumen lassen.

    Besagtes Donauuferlied wurde tatsächlich auch in Teenie-Zeltlagern gesungen. Klar, nicht am Lagerfeuer, sondern geheimkichernd im Wald. Bist doch Expertin im Zeitreisen? Nxt stop: Westerwald, 1995. Du hast da noch ne Rechnung offen, bittedanke ;)

    Buchstabenbunte Grüße
    von das A&O

    PS: Über ein bisschnLoreley und Bingen freu ich mich zwischen den Zeilen „trotzdem“ ;)

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  4. Salut, danares.
    Bierdurchweichte Mannenhorden im Zustand kollektivierter Enthemmung…ein Tritt ins verbale Gemächt ist dabei punktgenau angebracht. ‚High Noon‘ auf dem Mittelgang – und in die Stille, nachdem sich der Staub des Duells gelegt hat, weht „Do Not Forsake Me, Oh My Darlin’ “ durch den Waggon.

    Chapeau!

    bonté

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