„Menschliche Mausefalle“ – Nellie Bly: Zehn Tage im Irrenhaus

Viele Jahre vor Günter Wallraff: Die US-amerikanische Journalistin Nellie Bly schleust sich undercover in eine Psychiatrie ein. Und wie in Wallraffs Reportage von 1969 über seine Erlebnisse in der Psychiatrie von Goddelau, stellt sich Nellie Bly 1887 eine wesentliche Frage: „Wie werden Sie mich herausholen“, fragt sie ihren Herausgeber von der New York World, „wenn ich einmal drin bin?“. Mit der Diagnose „gesund“ die Klinik verlassen zu können, das schien Bly ebenso wenig vorstellbar wie es sich später bei Wallraff herausstellen sollte. Weiterlesen „„Menschliche Mausefalle“ – Nellie Bly: Zehn Tage im Irrenhaus“

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Navid Kermani: Einbruch der Wirklichkeit


Es gibt Flugzeuge, die fliegen schneller als der Schall, doch „im Jahr 2015 marschieren die Flüchtlinge durch Europa wie das Volk Israel nach der Flucht aus Ägypten“. Und, so Navid Kermani weiter: „In Bibelfilmen oder auf Gemälden sieht man dann immer einen großen Menschenpulk mit dem Propheten an der Spitze.“

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„Diese Welt ist ein Wald.“ – Ein Chat von der Flucht

Mein Akku ist gleich leer. Chat von einer Flucht. Mikrotext„Das ist keine Reise, das ist ein Roman“, schreibt Faiz. Da ist er schon mehrere Wochen unterwegs. Eine „furchtbare Reise“ sei es, teilt er Julia im Chat mit. Und auch: „Es ist alles ein Abenteuer oder ein Roman.“

In seiner syrischen Heimat war Faiz Medienaktivist. Nun wird er gesucht, „vom Regime und von ISIS“. Seine Flucht führt ihn aus der Türkei durch Mazedonien und Serbien, dann nach Rumänien. Julia ist Faiz‘ virtuelle Reisebegleiterin. Immer wieder fragt sie ihn, wie sie ihm helfen könne. Sie erlebt die einzelnen Etappen seiner Flucht und immer wieder die Rückschläge. Mehrmals wird Faiz von der Polizei aufgegriffen, landet im Gefängnis: „Ich geh einfach zurück nach Syrien. Ich bin ein Pechvogel. Immer werde ich erwischt.“

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Banksy: Wall and Piece

Banksy Wall and PieceT-Shirts, Handtaschen, Buttons – auf dem Londoner Portobello Market in Notting Hill ist Che Guevara in allen Formen und Preislagen zu kaufen. Eines Morgens blickt der Revolutionär jedoch auf einmal in vielfacher, überlebensgroßer Ausfertigung von der Eisenbrücke hinunter auf den Ort seiner Vermarktung.

„Ich glaube, ich habe versucht ein Statement gegen das endlose Recycling einer Ikone abzugeben“, sagt Banksy, der in einer Nacht- und Nebelaktion die Wanddekoration angebracht hatte. „Die Menschen glauben offenbar, dass sie sich nicht mehr wie ein Revolutionär verhalten müssen, wenn sie sich wie ein Revolutionär kleiden.“

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Sing mir ein Lied vom Drogenbaron – Erazo Heufelders Reisereportage „Drogenkorridor Mexiko“

Drogenkorridor MexikoHoch oben, auf dem Friedhof von Santiago de los Caballeros, thront vor der malerischen Kulisse der Sierra Madre ein gigantischer Marmortempel. Es soll die letzte Ruhestätte des Drogenbosses Ernesto Fonseca Carrillo werden – nachdem er im Gefängnis seine lebenslange Haftstrafe abgesessen hat.

Ihre Denkmäler lassen sich die mexikanischen Drogenbarone schon zu Lebzeiten errichten. Und während sich korrupte Politiker am Drogenhandel bereichern, verkaufen sich Drogenbarone als vermeintliche Philanthropen. Den Menschen in Badiraguato, so schreibt Erazo Heufelder in ihrer Reportage Drogenkorridor Mexiko, sei der Drogenbaron Rafael Caro Quintero als größter Gönner ihrer Gemeinde in Erinnerung geblieben. Er habe nicht nur Schulen und Kirchen bauen lassen, sondern auch abgelegene Ortschaften mit Strom versorgt.

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Die Mainzer Republik, oder: War da was? – Jörg Schweigards „Die Liebe zur Freiheit ruft uns an den Rhein”

Mainzer RepublikSchwer vorzustellen, aber es gab eine Zeit, in der es Schriftsteller und Gelehrte aus aller Welt nach Mainz am Rhein zog. Freimaurer, Illuminaten, Lesegesellschaften, Landsmannschaften – es war einiges los in der Stadt. Im Jahr 1789 erreichte zudem der Pariser Ruf nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit den Rhein – und die Toleranz des Mainzer Kurfürsten Karl Friedrich von Erthal seine Grenzen. Denn wo früher hinter verschlossenen Türen debattiert wurde, wurde nun öffentlich protestiert.
Jörg Schweigard berichtet in Die Liebe zur Freiheit ruft uns an den Rhein über die bewegten Jahre vor und während der kurzlebigen Mainzer Republik, die von Oktober 1792 bis Juli 1793 währte. Er stellt die zentralen Akteure der Zeit sowie ihre Organisationsformen vor, die schließlich zum ersten demokratisch gewählten Parlament auf deutschem Boden führten.

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„Wenn ihr gewinnt, kostet es euch den Kopf.“ – Eduardo Galeanos „Der Ball ist rund“

Galeano_Der Ball ist rundIm Dezember 1951 bricht der junge Ernesto Guevara mit seinem Freund Alberto Granado zu einer Motorradreise durch Südamerika auf. Nicht ohne Stolz schreibt er aus Kolumbien an seine Mutter: „Ich hielt einen Elfmeter, eine Torwartparade, die in die Geschichte von Leticias eingehen wird.“

Und in Algerien hat es sich der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Albert Camus angewöhnt, ausschließlich als Torhüter zu spielen: „Jeden Abend sah die Großmutter die Sohlen seiner Schuhe nach und verabreichte ihm eine gehörige Tracht Prügel, wenn sie wieder einmal zu sehr abgenutzt aussahen.“

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Richard III. trifft Doctor Who: Buch und Podcast „Viva Britannia“

Samuel Henry James. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte der Spross von William und Kate diesen schönen Namen getragen. Kein Wettbüro kreuzte Anfang Juli 2013 in London meinen Weg. Glücklicherweise. Aus Samuel Henry James wurde nämlich wenige Wochen später George Alexander Louis.

inselHätte ich damals schon den Podcast Viva Britannia gekannt, wäre meine Wette vermutlich etwas konservativer ausgefallen. Noch komplexer als befürchtet sind nämlich die Gesetze im Hause Windsor.

Dank der Podcast-Episode Das Königshaus weiß ich nun außerdem, dass noch keine Regelung für jenen Fall getroffen ist, dass sich der kleine George irgendwann in einen Mann verlieben sollte. (Meine Wette geht übrigens auf den wenige Monate jüngeren Rafaël aus dem Hause Grimaldi.)

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Lesen macht dumm, sprach der Rattenfänger und tötete den letzten Moskito

Einst sprach ich mit einem Freund aus Südamerika über den damals gerade erschienenen Fantasy-Roman Deutschland schafft sich ab von Thilo Sarrazin.

„Wie“, fragte mich der Freund erstaunt auf Spanisch, „im Deutschen kann man das Verb ‚abschaffen‘ reflexiv verwenden?“ „Nein“, sagte ich, „das tun nur Deutsche, die von ihren Mitbürgern behaupten, dass sie weder arbeiten noch Deutsch lernen wollen.“ „Cazador de ratas“, sagte der Freund am anderen Ende der Skype-Leitung. „Ja“, sagte ich, „Rattenfänger“.

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Roger Willemsen: Hier spricht Guantánamo

Willemsen: GuantánamoHussein ist Lehrer. Er unterrichtet afghanische Flüchtlingskinder in Religion und Arabisch. Man möchte meinen, dies sei eine anerkennenswerte Arbeit – wäre da nur nicht der 11. September und der hierauf folgende „Krieg gegen den Terror“ gewesen. Hussein sitzt gerade mit seiner Familie beim Abendessen, als  die pakistanische Polizei an seiner Tür klingelt, ihn verhaftet und gegen Bezahlung an die USA ausliefert – wegen seiner Kontakte mit Afghanen.

Hussein wird zunächst in Peshawar inhaftiert. Zehn Tage später geht es nach Islamabad. Hier werden „die pakistanischen Fesseln gegen amerikanische Fesseln aus Plastik ausgetauscht“. Die sitzen fester. Es folgen zwei Monate Haft in Bagram, dann zwanzig Monate im Lager Guantánamo.

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Judith Torrea: „Kinder begraben Kinder“ | Ciudad Juárez, Mexiko

Judith Torrea: Juárez en la sombraJudith Torrea hat ihr Herz an Ciudad Juárez verloren. Ciudad Juárez gilt als eine der gefährlichsten Städte der Welt, doch Judith Torrea nennt sie liebevoll Juaritos. In der mexikanischen Grenzstadt regiert ein mörderischer Drogenkrieg, dem jedes Jahr tausende von Menschen zum Opfer fallen.
Die Spanierin Judith Torrea arbeitete bis 2009 als Reporterin in New York. Dort beobachtete sie Tag für Tag die Schönen und Reichen beim gepflegten Drogenkonsum. „Weißt Du, wie viele Tote es erfordert, damit Du ein Gramm Kokain konsumieren kannst?“ Diese Frage richtete sie an einen New Yorker Millionär. Sie erhielt keine Antwort. Aber sie beschloss, die New Yorker Glamourwelt zu verlassen und nach Ciudad Juárez zu gehen, um dort vor Ort über das Leben und Sterben im Schatten des Drogenkrieges zu berichten.

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