Navid Kermani: Einbruch der Wirklichkeit

Navid Kermani Einbruch der Wirklichkeit CHBeck


Es gibt Flugzeuge, die fliegen schneller als der Schall, doch „im Jahr 2015 marschieren die Flüchtlinge durch Europa wie das Volk Israel nach der Flucht aus Ägypten“. Und, so Navid Kermani weiter: „In Bibelfilmen oder auf Gemälden sieht man dann immer einen großen Menschenpulk mit dem Propheten an der Spitze.“

Jenen Menschen, denen Kermani auf der Balkanroute begegnet, geht kein Prophet voraus. Sie fliehen in kleinen Gruppen, einige schneller, andere im Gänsemarsch. Der so genannte Flüchtlingsstrom, es sind Zufallsbekanntschaften.

Auf knapp 100 Seiten schildert Kermani nicht nur seine Gespräche mit Menschen auf der Flucht. Einbruch der Wirklichkeit ist ein wichtiges Zeitdokument der letzten Monate – beginnend mit Merkels unbeholfenem Versuch im vergangenen Sommer, ein weinendes palästinensisches Mädchen zu trösten (#Merkelstreichelt), über die Menschen, die wir wenige Monate später im Herbst 2015 erschöpft auf dem Boden deutscher Bahnhöfe sitzen sahen, dann das Foto des kleinen ertrunkenen Jungen Aylan Kurdi, bis hin zu den Flüchtlingscamps an den neuen europäischen Grenzen.

„Es herrscht Krieg an den südlichen und östlichen Grenzen unseres Wohlstandsghettos, und jeder einzelne Flüchtling ist dessen Bote: Sie sind der Einbruch der Wirklichkeit in unser Bewusstsein.“ Letztendlich, so Kermani, drehe sich alles um die Frage, wie wir zu dem Projekt der Aufklärung stehen: „Wollen wir Europa, oder wollen wir es nicht?“

Ja, Navid Kermani schreibt mit dem Pathos eines Stefan Zweig. Doch was Kermani hier schildert, ist keine Welt von Gestern. Es ist die heutige Welt, die jeder mitgestalten kann.

Navid Kermani, einer der großen Intellektuellen unserer Zeit, arbeitet sich nicht im Elfenbeinturm an Begriffen und Phänomenen ab. Er kennt die Menschen, über die er schreibt. Und das ist einer der großen qualitativen Unterschiede zu einem, würde-ich-meinen-wollen, Peter Sloterdijk.

Navid Kermani: Einbruch der Wirklichkeit. Auf dem Flüchtlingstreck durch Europa. Mit Fotografien von Moises Saman. Klappenbroschur. 96 Seiten. C.H. Beck. 2016. ISBN 978-3-406-69208-6 


Mehr zum Thema Flucht und Migration im Blog.


 

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Autor: andreabreuer

Bloggt über Weltliteratur & Straßenpoesie. Arbeitet mit Texten, Menschen & Sprachen. Mainz. |

6 Kommentare zu „Navid Kermani: Einbruch der Wirklichkeit“

  1. Liebe Andres,
    dass ich noch Nach-Lesen muss, das habe ich ja schon auf fb geschrieben.
    „Wollen wir Europa, oder wollen wir es nicht?“ – Das ist eine wirklich entscheidende Frage, oder sogar: DIE entscheidende Frage. Mir scheint nur, dass diese Frage nicht positiv beantwortet wird. Weil: viele europäische Länder nicht mitmachen und eine gleichmäßige Verteilung der Asylsuchenden nicht möglich ist (und bis zum letzten Sommer hat sich ja auch Deutschland ganz wunderbar hinter diesem merkwürdigen Dublin-Abkommen verstecken können: sollen die Griechen und Italiener doch sehen, wie sie mit den Menschen fertig werden). Weil in vielen europäischen Ländern die Rechtspolulisten aus dem Boden schießen, wie viele es nie für möglich gehalten haben und jeder Flüchtling mehr scheint ihnnen gleich großen Zulauf zu bescheren. Dabei hat Europa genug Ressourcen, um Flüchtlings aufzunehmen. Mich macht die Situation ziemlich ratlos und ich bin skeptisch, ob es noch etwas wird aus Europa.
    Ganz nachdenkliche Grüße, Claudia

    Gefällt 1 Person

  2. Ich finde die Reportage sehr berührend, da Kermani ganz nah dran an den Menschen auf der Balkanroute war. Gleichzeitig beleuchtet er das Flüchtlingsthema so reflektiert wie ich es selten gelesen habe. Er setzt sich mit Vorurteilen, mit Befürchtungen, auch mit der Sogwirkung der Willkommenskultur in Deutschland auseinander und nimmt für sich nicht in Anspruch die ultimative Lösung bereit zu haben. Trotzdem ist es ein Plädoyer gegen die Asylpolitik der EU und für eine andere Einwanderungspolitik, die legale Wege nach Europa öffnet.

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