„Menschliche Mausefalle“ – Nellie Bly: Zehn Tage im Irrenhaus

Viele Jahre vor Günter Wallraff: Die US-amerikanische Journalistin Nellie Bly schleust sich undercover in eine Psychiatrie ein. Und wie in Wallraffs Reportage von 1969 über seine Erlebnisse in der Psychiatrie von Goddelau, stellt sich Nellie Bly 1887 eine wesentliche Frage: „Wie werden Sie mich herausholen“, fragt sie ihren Herausgeber von der New York World, „wenn ich einmal drin bin?“. Mit der Diagnose „gesund“ die Klinik verlassen zu können, das schien Bly ebenso wenig vorstellbar wie es sich später bei Wallraff herausstellen sollte.

Für ihre Rollenreportage übt Nellie Bly zunächst vor dem Spiegel „die Wahnsinnige“, zieht sich alte Kleidung an und steuert schließlich ein Heim für bedürftige Frauen an, in dem sie um Unterschlupf bittet. Hier wiederholt sie mit ihrem „Ganz-weit-weg“-Gesichtsausdruck immer wieder, dass „alles so traurig“ sei, dass sie ihre Koffer vermisse, alle Menschen in ihrer Umgebung verrückt seien und dass sie Angst vor ihnen habe. Nachts bleibt sie wach und starrt so lange ins Leere, bis die anderen Heimbewohnerinnen Angst vor ihr bekommen. Schnell ist die Polizei gerufen, es folgt der Richter, der „das arme Mädchen“ zur ärztlichen Untersuchung schicken lässt, wo sie für geisteskrank erklärt wird.

„Von dem Moment an, als ich die Station für Geisteskranke auf der Insel betrat, machte ich keinen Versuch mehr, meine Rolle der Geisteskranken weiter aufrechtzuerhalten. Ich redete und verhielt mich genau so, wie ich es auch sonst im Alltag tue. Und doch, so merkwürdig es klingt: Je vernünftiger ich redete und handelte, für desto verrückter hielt man mich […].“

Den ganzen Tag müssen die Insassinnen im Aufenthaltsraum aufrecht auf Bänken sitzen, das Essen ist spärlich, ungenießbar, ungesund. Kälte zieht durch die Anstalt und macht gesunde Bewohnerinnen krank. Die Schwestern der Anstalt halten die Köpfe der Patientinnen unter Wasser und drohen sie zu ertränken, wenn sie den Ärzten von den Misshandlungen in der Anstalt berichten. Doch diese Art der „weißen Folter“ ist nicht immer nötig. Gerade die geistig Gesunden halten das System am Leben, indem sie durch ihre Gehorsamkeit unter Beweis stellen wollen, dass sie „bei Verstand“ sind.

„Die Irrenanstalt auf Blackwell’s Island ist eine menschliche Mausefalle. Es ist leicht hineinzukommen, aber unmöglich herauszukommen.“

Nellie Bly berichtet knapp, präzise und in einfacher Sprache über ihre Erlebnisse in der Psychiatrie auf Blackwell’s Island. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie keine Position bezieht. Das Schicksal der Insassin Tiellie Mayard, die den Arzt um Gerechtigkeit anfleht, veranlasst Bly zu dem Entschluss, dass ihr journalistischer Auftrag letztendlich das Ziel haben solle, ihren „Schwestern von Nutzen“ zu sein. Dies ist Bly bis zu einem gewissem Grad gelungen, wie wir dem äußerst lesenswerten Nachwort von Martin Wagner entnehmen können. Wagner liefert in dem Nachwort auch einem Einblick in die Psychiatriegeschichte und die damit zusammenhängenden Begrifflichkeiten („mad-house“, „asylum“ etc.). Er verortet Nellie Bly bei den Ende des 19. Jahrhunderts aufkommenden „Girl Stunt Reporters“, denen – auch dank Sensationsjournalismus – der Sprung von den hinteren Seiten einer Zeitung (mit noch heute vermeintlichen Frauenthemen wie Mode und Garten) auf die Titelseiten gelungen war.

Von Nellie Bly ist im AvivA-Verlag zudem der Bericht ihrer Reise um die Welt in 72 Tagen (inklusive Besuch bei Jules Verne) erschienen. Ausführlicheres zum Programm des Aviva-Verlags hat Vera auf ihrem Blog glasperlenspiel13 anlässlich des AvivA-Bücherfrühstücks in Mainz zusammengetragen.

(Gerne hätte ich mit einem Foucault-Zitat geschlossen, allein mir fehlt ausgerechnet jenes Werk im Bücherregal.)

Nellie Bly: Zehn Tage im Irrenhaus. Undercover in der Psychiatrie. Aus dem Englischen übersetzt und mit einem Nachwort von Martin Wagner. 192 Seiten. Broschur. AvivA Verlag (2014). ISBN 978-3-932338-62-5 (Verlagsseite)

 

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2 Kommentare zu „„Menschliche Mausefalle“ – Nellie Bly: Zehn Tage im Irrenhaus

  1. Klingt nach einer spannenden Reportage. Gerade, weil die Herangehensweise in dieser Zeit völlig an der Menschenwürde vorbei ging. Wandert auf die Merkliste.

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