Stattlektion: Leerstandstraum mit Gregory Peck

Letzte Nacht träumte mir, ich sei wieder am Mainzer Hauptbahnhof. Mir war, als erhielte ich von hinten einen kleinen Schubser. Und tatsächlich, es war Gregory Peck. Er sprach Arabisch, doch ich konnte ihn mühelos verstehen.

„Hier“, sagte Gregory, indem er mich hinaus auf den Bahnhofsplatz zog, „hier bin ich früher oft abgestiegen, und es war immer ein Heidenspaß.“ Mit jungenhafter Geste wies er hinüber zu jenem Ort, der sich Central Hotel Eden nennt.  Mainz Central Hotel Eden

„Hier?“, fragte ich erstaunt. „Das Hotel steht nun schon seit Jahren leer.“

„Aber keineswegs“, entgegnete Gregory, „schau doch mal durch die Fenster“.

Es bereitete mir einige Mühe, etwas durch die verschmierten Scheiben zu erkennen. Aber es waren eindeutig Menschen auszumachen, die da im Restaurant saßen – munter plaudernd, in geisterhafter Szenerie.

Central Hotel Eden Mainz 3

„Was sind das für Leute?“, fragte ich Gregory, der sich inzwischen eine Zigarette angesteckt hatte.

„Allerlei Leute. Flüchtlinge, Obdachlose, Reiche, Arme. Ich kann es gar nicht genau sagen.“

„Wie kommen die alle hierher?“

„Sie sind seit der feierlichen Eröffnung hier. Die Türen wurden vom Oberbürgermeister höchstpersönlich geöffnet. Für alle.“Central Hotel Eden Mainz 4

„Für… alle?“, fragte ich zweifelnd.

„Natürlich für alle – sonst hat es ja keinen Sinn. Was glaubst Du, warum ich so gut Arabisch spreche?“

Fragend blickte ich ihn an.

„Hier gelernt“, sagte er knapp und wies mit der Zigarette auf das Hotel. „Abendkurs. Sprachtandem. Mit einem Flüchtling. Und ein Obdachloser hat mir Photoshop beigebracht. Jetzt lerne ich Russisch“, sagte er nicht ohne Stolz.

„Das heißt, man muss nicht mehr in die Vororte fahren, um Kontakt mit Flüchtlingen aufzunehmen?“

„Nein, das war ein blödes Konzept. Wie soll man sich so kennenlernen?“

Fassungslos blickte ich ihn an: „Das könnten meine eigenen Worte sein“, sagte ich begeistert.

„Es liegt“, erklärte mir Gregory, „auch ein wenig an dem neuen Slogan der Stadt: Wir begegnen Ihnen mit guten Taten statt mit Formularen.“

„Flächendeckend?“, fragte ich zweifelnd.

„Ausnahmslos. Und wer sich nicht daran hält, hat ein Problem.“

Ich presste die Lippen zusammen, wie es die Protagonisten in billigen Heftchenromanen tun. Dann stieß ich hervor: „Das ist nur ein dummer Traum!“

„Ja“, sagte Gregory und trat mit Nachdruck seine Kippe vor dem verschlossenen Central Hotel Eden aus. „Es ist ein Traum, ein billiger Traum. Ein naiver, nutzloser Taubenkackenleerstandstraum.“

Central Hotel Eden Mainz 5


 

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Autor: andreabreuer

Bloggt über Weltliteratur & Straßenpoesie. Arbeitet mit Texten, Menschen & Sprachen. Mainz. |

33 Kommentare zu „Stattlektion: Leerstandstraum mit Gregory Peck“

  1. Dein Traum macht nachdenklich, liebe Andrea. Erst lässt er schmunzeln, lachen, dann traurig werden. Aber darf ich neugierig sein: Gregory Peck – hast du eben erst einen Film mit ihm gesehen oder ist es mehr als das? ;)

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  2. Ein schöner Traum. Und eine dumme Realität, die ihn nicht zulässt. Warum schicken wir die Flüchtlinge an den Stadtrand? Weil wir Angst vor ihnen haben. Warum haben wir Angst? Weil wir sie nicht kennen. Warum kennen wir sie nicht? Weil wir sie so weit wie möglich wegschicken…

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  3. Habe gerade gestern gelesen, dass das Hotel im Privatbesitz ist und zum Verkauf steht… Vielleicht sollte die Stadt Mainz lieber in diesem Sinne Geld investieren, anstatt ein monströses Einkaufszentrum zu bauen, das niemand haben will (vor allem nicht, nachdem man ja schon andere Einkaufszentren hingesetzt hat, die eher Geisterstädten ähneln…)

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  4. Schade, dass diese Realität vielen Städte gemeinsam ist …
    Es könnte sich ja mal eine erheben und zur glorreichen Ausnahme werden!

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  5. Das ist doch mal ein sehr vernünftiger Traum. Wenn diejenigen, die ihn Wirklichkeit werden lassen könnten, doch auch einmal so einen Traum hätten! (Aber Gregory Peck? Taucht der zufällig in Ihren Träumen auf, oder gibt es dazu eine Geschichte? Wieso träume ich immer nur von meinem Chef oder vom Hausmeister?)

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  6. Servus, danares.
    In Zeiten von Beton-Gold-Rausch bringt es Eigentümer (wie wir wissen, die mit der „Verpflichtung“) mehr voraussetzliche Rendite, eine Immobilie leer verlottern zu laßen. Hinsichtlich Abriß & Bau von Luxuswohnraum. Wobei man/frau sich auch gern an eine Immobilienblase andalusischer Bauart erinnern mag.
    Money out of nothing and shit for free… :-)

    تحيات

    bonté

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  7. Da stand ich doch letztens vor dem Hotel und dachte mir, von welch schönen Zeiten das Haus hätte erzählen können. Hab gar nicht gedacht, dass es auch gute Zeiten vor sich haben könnte … gut Idee von Dir und Mr Peck.

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      1. Ein toller Blog, ich durchforste ihn gerade mit zunehmender Begeisterung. Vielen Dank für den Tipp!! Rebloggen: Würde mich natürlich sehr freuen. :-) Liebe Grüße!

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  8. Hat dies auf Die Zaunreiterin rebloggt und kommentierte:
    Danares beschreibt eine wundervollen Gedanken. Ein Traum, wie sie sagt. Aber keineswegs nur ein ‚dummer‘. Dumm wäre eher der, der ihn nicht zulässt – weil er ihn sich nicht vorstellen kann…

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